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Na, auf die großspurige Aufmachung reingefallen? Macht nichts. Auch wenn ich gar nicht am wirklichen Südpol war - vom Gefühl her war es dasselbe. Eine absolut aberwitzige Expedition, eine kaum nachvollziehbare Idiotie, Grenzerfahrung, Dummerjungenstreich. Einfach nur geil eben. 240 Kilometer, zwei Tage lang, durch Eis und Schnee, von Kassel nach Rinteln, wo die hereinbrechende lange Winternacht meinen Ritt gestoppt hat. Jetzt gibt es für dich zwei Möglichkeiten: Mit einem leisen Anflug menschlichen Bedauerns den Kopf schütteln, als da capo noch ein kleines tock-tock-tock mit dem Finger an die Stirn ("Die spinnen, die Radfahrer") und dann zügig woanders hin surfen bis was Vernünftiges auf den Bildschirm kommt. Oder neugierig werden, über den Unterschied zwischen Beklopptheit und Verrücktheit nachdenken und weiter lesen. Viel kommt sowieso nicht mehr. Denn wie soll ich meine Euphorie beschreiben angesichts der jungfräulichen Schneedecke auf dem Radweg?
Wie den Stolz auf die heroische Überwindung aller Hindernisse, die Ausgefülltheit während des abendlichen Entspannens in der Sauna? Also kurz und gut: Fahrradfahren geht bei jedem Wetter, vorausgesetzt man ist entsprechend gekleidet, verfügt über einen belastbares, vollblütiges, stählernes Ross und hat eine Thermoskanne Tee dabei.
Der Weg entlang der Flüsse Fulda und Weser ist landschaftlich superschön und führt durch malerische alte Hutzelstädtchen wie Bodenwerder (Münchhausen), Hameln (Rattenfänger) und Höxter (gar keiner). Bei "schönem" Wetter also vermutlich völlig überlaufen. Ich aber war Ende Februar völlig allein unterwegs! Und das hat was! Zugeben muss ich jetzt, dass ich nicht gezeltet habe. Hätte die Sache vielleicht noch runder gemacht, mit größerer Wahrscheinlichkeit aber dem Entdeckungsreisenden den sicheren Tod gebracht. Und ich hab schließlich Familie. Stattdessen kehrte ich unterwegs auf halber Strecke im Hotel Niedersachsen ein. Zugegeben auch in der dezenten Hoffnung, dort Kontakt zu lebendigen Menschen vorzugsweise weiblichen Geschlechts zu finden, die an meinen Lippen hängen, während ich von meinen Abenteuern erzähle. Die sich darum reißen, meine erfrorenen Zehen zu massieren und die überanstrengten Muskeln mit aromatischen Ölen zu verwöhnen. Und so weiter. Dagegen sprach der erste, desillusionierende Anblick beim Eintreffen: Seniorenpolonaise zu launiger Alleinunterhaltermucke. 2000 Jahre Erdgeschichte in einem einzigen Raum. Also so ein Hotel ist das hier. Na gut. Aber ich hab ja euch, damit meine Geschichte nicht ungehört verhallt. Und meine Frau für die Zehen.