zurück zur Gartenpforte
zurück ins Mehr
zurück zur Übersicht
Freundschaft

Das Zuhause meines Freundes ist ein Park in Dortmund-Dorstfeld, das ganze Jahr über, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, und das seit vielen, vielen Jahren. Kein Unwetter kann ihn von seinem Platz vor dem Schulte-Witten-Haus vertreiben: Noch im stärksten Sturm tanzt er voll Anmut, wiegt sich hin und her, Hitze und Kälte, Regen und Schnee machen ihm nichts aus. Neulich habe ich ihn mal wieder besucht. Die Füße in die weiche Erde eingegraben, die Hände dem Himmel entgegen gereckt, begrüßte er mich schon von weitem, schien mir fröhlich zuzuwinken. Ich nahm ihn in den Arm und spürte sofort wieder dieses wohlige Gefühl der Geborgenheit. Ich erzählte ihm, woher ich gerade kam, wie es mir ging, schüttete ihm, wie immer, mein Herz aus, während er, wie immer, schweigend zuhörte und mir allein durch seine Gegenwart den Trost spendete, den ich mal wieder so dringend brauchte. Mein Freund, der große Ahorn-Baum.
Unsere Freundschaft geht zurück auf die Zeit der Trennung von meiner ersten Frau. Mein Gott, was habe ich gelitten, damals! Den Tipp gab mir meine spirituelle Freundin "Haldemarie", eine gebürtige Heidemarie aus der Lüneburger Heide, die aber längst im Ruhrgebiet heimisch geworden war und deshalb von mir ihren Spitznamen bekommen hatte. "Du brauchst einen Freund, der weiser ist als ich. Suche dir einen Baum, zu dem du gehen kannst, wenn der Schmerz zu groß wird." Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte, ließ mich aber darauf ein, da mir ja doch nichts "Vernünftigeres" einfiel.
Als ich den Ahorn sah, wusste ich sofort: "Der ist es!" Vorsichtig berührte ich seinen Stamm und er machte mir sein erstes Geschenk, ließ ein kleines borkiges Stückchen Rinde in meine Hand fallen. So konnte ich etwas von ihm mit nach Hause nehmen, etwas das mich immer daran erinnerte, dass es ihn gab. Denn tatsächlich war es ungemein befreiend, plötzlich jemanden zu haben, dem ich alles erzählen konnte, der begriff, ohne zu fragen, der half, ohne zu kommentieren, der verstand, ohne zu urteilen. Seine wortlosen Botschaften waren dennoch unmissverständlich, und auch wenn ich mich noch so sehr gegen die Erkenntnis sträubte: Irgendwann wurde mir schließlich klar, dass jedes Ende auch ein Neubeginn sein kann, und was Hesse mit dem Zauber gemeint hat, der jedem neuen Anfang innewohnt. Danke, Ahorn. Ich gebe zu, es gibt Zeiten, in denen ich nur selten an meinen Freund denke, zumal ich längst aus Dorstfeld weggezogen bin. Doch auch das versteht er, ist mir nicht böse deswegen. Das spüre ich bei jedem Wiedersehen. Wenn ihr ihn mal besucht, grüßt ihn von mir. Er wird mir auch von euch erzählen, das weiß ich genau.