Ein blinder, alter Mann nutzt die Abwesenheit seiner Frau für ein Abenteuer: Auf dem für ihn nur schwer erreichbaren
Dachboden findet er neben zahlreichen Erinnerungsstücken aus einer fernen Vergangenheit auch die Briefe, die er
in früheren, schweren Zeiten an sich selbst geschrieben hat und die nun endlich ihren Adressaten erreicht haben.
Leseprobe: Weg ist sie. Wirklich und wahrhaftig hinaus aus der Tür und hinein ins Taxi. Verschwunden mitsamt
ihrer Klingelglöckchenstimme. Das Surren des Solarfahrzeugs ist soeben gerade noch aus der Ferne
zu hören. Nur ihren Duft hat sie dagelassen und auf meiner Nase sitzt noch ihr Abschiedskuss wie
ein frecher Schmetterling und kitzelt mich. Gleich wird auch er davon flattern und ihr hinterher
fliegen, schwupsdiwups, weg ist er.
...
Langsam taste ich mich vorwärts. Ich möchte noch etwas finden.
Meine Finger ertasten die verschiedensten Oberflächen, arbeiten sich Meter um Meter durch
Nichtigkeiten voran und dann erfühlen sie endlich den stumpfen, löchrigen Plastikbezug einer
uralten Wäschetruhe. In dieser Kiste muss sie sein: Die knallbunte Plastikschachtel mit dem
Brief an mich. Welche Ironie: So wichtig war es mir damals, ihn später wieder zu finden, dass
ich eine Verpackung wählte, die sofort ins Auge springt, und nun sind meine Augen leer und die
Farben springen mitsamt dem 70er-Jahre-Muster ungesehen ins Nichts. Eine verrückte Idee, aber sie
gefällt mir noch immer und vielleicht war sie es ja, die mich so magisch hier hinauf gezogen hat,
mit einem seltsamen Magnetismus, der anziehender wirkt als jedes grell bunte, aber in einem
Kistengrab verborgene Outfit. Ich hab ihn nicht direkt gesucht, aber nun hat er mich gefunden - wieder
gefunden: Der Brief, den ich mit Ende 30, Anfang 40 an mich geschrieben habe, an den alten Opa,
der ich nun tatsächlich geworden bin.
Eigentlich waren es viele Briefe. Jedes Mal, wenn ich mich zu verlieren drohte,
wenn die innere Stimme mit unvernünftigen Gedanken und unseligen Gefühlen zu kämpfen hatte,
wenn ein Teil meines Egos zu groß zu werden drohte, wenn wichtige Entscheidungen zu treffen waren,
dann setzte ich mich hin und schrieb: "Lieber glücklicher Opa, der ich hoffentlich einmal sein werde!"
Nun bin ich dieser Opa und der Briefschreiber ist zur Erinnerung geworden. Ein Haufen Zeit,
zum Grenzwall aufgeschüttet, trennt uns wie eh und je. Du bist nicht greifbarer für mich als
ich es für dich war, aber unser Verhältnis kommt mir genauso intim vor wie früher. Obwohl es
mich damals noch nicht gab, war ich für dich die Person, der du als einziger uneingeschränkt
vertrauen konntest und die dich kennen und verstehen musste wie niemand sonst auf der Welt,
nicht einmal unser kleiner Leuchtestern.