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Übersicht "Literarisches"

Die dritte Frage

Ein blinder, alter Mann nutzt die Abwesenheit seiner Frau für ein Abenteuer: Auf dem für ihn nur schwer erreichbaren Dachboden findet er neben zahlreichen Erinnerungsstücken aus einer fernen Vergangenheit auch die Briefe, die er in früheren, schweren Zeiten an sich selbst geschrieben hat und die nun endlich ihren Adressaten erreicht haben.

Leseprobe:

Weg ist sie. Wirklich und wahrhaftig hinaus aus der Tür und hinein ins Taxi. Verschwunden mitsamt ihrer Klingelglöckchenstimme. Das Surren des Solarfahrzeugs ist soeben gerade noch aus der Ferne zu hören. Nur ihren Duft hat sie dagelassen und auf meiner Nase sitzt noch ihr Abschiedskuss wie ein frecher Schmetterling und kitzelt mich. Gleich wird auch er davon flattern und ihr hinterher fliegen, schwupsdiwups, weg ist er.
...
Langsam taste ich mich vorwärts. Ich möchte noch etwas finden. Meine Finger ertasten die verschiedensten Oberflächen, arbeiten sich Meter um Meter durch Nichtigkeiten voran und dann erfühlen sie endlich den stumpfen, löchrigen Plastikbezug einer uralten Wäschetruhe. In dieser Kiste muss sie sein: Die knallbunte Plastikschachtel mit dem Brief an mich. Welche Ironie: So wichtig war es mir damals, ihn später wieder zu finden, dass ich eine Verpackung wählte, die sofort ins Auge springt, und nun sind meine Augen leer und die Farben springen mitsamt dem 70er-Jahre-Muster ungesehen ins Nichts. Eine verrückte Idee, aber sie gefällt mir noch immer und vielleicht war sie es ja, die mich so magisch hier hinauf gezogen hat, mit einem seltsamen Magnetismus, der anziehender wirkt als jedes grell bunte, aber in einem Kistengrab verborgene Outfit. Ich hab ihn nicht direkt gesucht, aber nun hat er mich gefunden - wieder gefunden: Der Brief, den ich mit Ende 30, Anfang 40 an mich geschrieben habe, an den alten Opa, der ich nun tatsächlich geworden bin.
Eigentlich waren es viele Briefe. Jedes Mal, wenn ich mich zu verlieren drohte, wenn die innere Stimme mit unvernünftigen Gedanken und unseligen Gefühlen zu kämpfen hatte, wenn ein Teil meines Egos zu groß zu werden drohte, wenn wichtige Entscheidungen zu treffen waren, dann setzte ich mich hin und schrieb: "Lieber glücklicher Opa, der ich hoffentlich einmal sein werde!" Nun bin ich dieser Opa und der Briefschreiber ist zur Erinnerung geworden. Ein Haufen Zeit, zum Grenzwall aufgeschüttet, trennt uns wie eh und je. Du bist nicht greifbarer für mich als ich es für dich war, aber unser Verhältnis kommt mir genauso intim vor wie früher. Obwohl es mich damals noch nicht gab, war ich für dich die Person, der du als einziger uneingeschränkt vertrauen konntest und die dich kennen und verstehen musste wie niemand sonst auf der Welt, nicht einmal unser kleiner Leuchtestern.