Zuerst die gute Nachricht: Allen Unkenrufen zum Trotz kann man es auf Gomera immer noch ganz gut
aushalten. Schon als ich Mitte der 80er-Jahre zum ersten Mal hier war, hieß es ja überall:
Es ist nichts, nichts mehr wie es war! Aber wie konservativ muss man eigentlich sein, um zu
bedauern, dass die Zeit nicht still steht? Wenn, dann war das Valle Gran Rey sowieso nur so lange
authentisch und von holder jungfräulicher Schönheit, bevor der erste Hippie sich hierhin verirrt
hat. Mit ein bisschen Fantasie kann man sich ausmalen, was es mit den Gomeros gemacht haben muss,
als dieses (unser!) Volk eingefallen ist. Und geblieben ist. In größerer Stückzahl denn je karren
ITS und Alltours und wer weiß wer noch ihre Kunden in die Hotels und Appartementanlagen, die das
Gesicht des einstmals einsamen Strandes nachhaltig verändert haben, wenn auch, wie man zugeben
muss, noch relativ maß- und geschmackvoll.
Die gestressten Neuankömmlinge sind am unteren Ende der Nahrungskette anzusiedeln und werden von
den Chill-Profis bloß mitleidig belächelt. Erst, wenn sich das Gomera-Grinsen auf ihren Gesichtern
breit gemacht hat, so nach zwei, drei Tagen, werden sie in die Gemeinde aufgenommen: Im Valle Gran
Rey herrscht Entspannungszwang. Die langhaarigen, ungepflegten Nichtstuer mit Trommel und
Weinflasche scheinen Weltmeister in dieser Disziplin zu sein. Schön ausschlafen, dann ab in den
Schatten unter dem Baum an der Ermita San Pedro, ein bisschen auf der Gitarre rumklimpern, den
Alkoholpegel konstant hoch halten und vor allem cool sein. Zum Sonnenuntergang rotten sie sich
dann zusammen bei Maria, wo sonst... - und versauen einem jedwede Romantik mit ihrem barbarischen
Bumbum. Mit Kultur oder sogar Musik hat das peinliche Getrommel zwar meiner Meinung nach nicht
viel zu tun, aber es ist dennoch allabendlich Szene-Vollversammlung angesagt, Gedränge und
Frohes-Neues-Stimmung mit dem Sektglas in der Hand wie auf einer Silvesterparty. Hier kann man
mit Sicherheit auch alte Klassenkameraden und frühere WG-Mitbewohner wiedertreffen. Wer´s mag...
Ich sehne mich denn doch eher zurück in alte Zeiten, als sich höchstens 15-20 Menschlein dort
in aller Ruhe und Gemütlichkeit trafen, um ein bisschen miteinander zu quatschen, und noch niemand
dachte, wie kultig das ist.
Stichwort Szene: Die ist deutscher als in Berlin und da kommt man schon ins Grübeln. Werfen wir
den Türken in unserem Land nicht vor, sie würden sich zu wenig an deutsche Gepflogenheiten anpassen,
Ghettos bilden und kein wirkliches Interesse an Integration haben? Ja, was ist denn dann mit all
den Deutschen, die sich hier niederlassen und schlechter Spanisch sprechen als ein Dortmunder
Kurde Deutsch? Die immer unter sich in ihrem eigenen Klüngel bleiben, sogar den längst überfälligen
Spanischunterricht bei Deutschen nehmen, ohne zu merken, wie skurril das ist? Die Vermieter der
schönsten Ferienwohnungen: Deutsch. Die hübschen kleinen Geschenkeshops: Deutsch. Die Kellnerinnen
in den Straßenlokalen La Playas: Deutsch. Die Eisdiele in La Puntilla: Deutsch. Das Tanzstudio
in Borbalan: Deutsch. Der Mountain-Bike-Verleih: Deutsch. Das Physiotherapiezentrum: Deutsch.
Und so weiter. Spanische, bzw. gomerische Kultur? Muss man (mal abgesehen von dem großen
Bronze-Häuptling Hautacuperche) mit der Lupe suchen, einfacher ist es, eine Shiatsu-Massage,
Kraftschmuck, eine Essenzheilung oder Aloe-Vera-Mandelöl-Hautpflegecreme zu bekommen.
Internationales Flair: Fehlanzeige, trotz vereinzelter Schweizer, Engländer und Holländer, die
sich auf der Suche nach einem Campingplatz hierhin verirrt haben müssen. Ganz Vallien ist von
den Deutschen besetzt. Ganz Vallien? Nein, ganz am Ende von Vueltas, gegenüber des Hafenstrandes,
Treppe aufwärts, leider gut versteckt, gibt es den letzten tapferen echten Gallier und seine
Eisdiele El Sueno de Yanini. Hier gibt es wirklich das beste Eis der Welt. Sivan, der einzige
Franzose weit und breit, ist ein großartiger Typ, absoluter Herzmensch und das schmeckt man!
Erst vor zwei Jahren hat er angefangen, Eis herzustellen, zuerst mit den üblichen Fertigzutaten, Eis von der Stange. Dann aber wollte er das nicht mehr, hat verschiedene Rezepte ausprobiert und mit den Zutaten experimentiert. Weiß jetzt, dass in Fruchteis soviel Frucht wie möglich gehört, in Milcheis echte Sahne und in Schokoladeneis echte Schokolade. Zitronen und Bananen sind aus dem eigenen Garten. Das Blaubeereis entstand in Teamwork mit einem Kind: Sivan ist stolz, ihm sein schönstes Ferienerlebnis ermöglicht zu haben, zu Hause wird dieser kleine Junge nicht vom Whalewatching erzählen und auch nicht vom Ausflug auf den Garajonay, sondern, dass er selber Eis gemacht hat! Leute, wenn ihr hier noch kein Eis gegessen habt, fehlt in eurem Leben eine wichtige Erfahrung. Kommt her und überzeugt euch davon, wenn ihr mir nicht glaubt!
Ich merke gerade, ein Plädoyer für das urtümlich Spanisch-Gomerische war das jetzt auch nicht
gerade. Und da ich selbst ein Deutscher bin, der hierher kommt, mit dem gleichen Recht oder Unrecht
wie alle anderen auch, halte ich jetzt besser meine vorlaute Klappe zu diesem Thema.
Und sonst? Dunkel und still wird es zwischen El Guro und La Playa im Valle nicht mehr. Über moderne
Straßen fließt der Verkehr und in der Nacht ist alles hell erleuchtet, was von La Calera aus zwar
hübsch anzusehen, aber eben auch bezeichnend ist. Trotzdem ist es immer noch erstaunlich schön
hier. Es gibt den einzigen Strand der Insel, der diesen Namen verdient und es braucht nur wenige
Schritte bis man in paradiesischer Abgeschiedenheit durch herrlichste Landschaft, je nach Gusto,
spazieren, wandern oder klettern kann.
Aber es gibt ja nicht nur das Valle Gran Rey. Diese Insel ist zum Wandern wie geschaffen. Wer von
Degollada de Peraza aus nach El Cabrito oder in die andere Richtung nach La Laja absteigt, wird nie
wieder glauben, den Grand Canyon gesehen haben zu müssen. Santa Clara und Imada, die Täler von
Vallehermoso und Hermigua, die Steilküste im Norden und die Nebelwälder El Cedros, Garajonay und
Fortaleza, La Merica und die Gerion-Berge man kann bleiben so lange man will und wird trotzdem
nie alles gesehen haben. Für einen reinen Strandurlaub ist Gomera einfach zu schade. Und den
schönsten Sonnenuntergang gibt es nicht bei Maria, sondern in der Bar von Tagaluche, nur wenige
Luftlinien-, aber zahlreiche umständliche Straßenkilometer entfernt!
Die gefürchteten schmalen Straßen am Rande des Abgrunds gibt es mittlerweile kaum noch. Fleißig
haben die Gomeros Tunnel gebaut und Fels weggeklopft, beziehungsweise sind immer noch dabei
(vor allem in Hermigua und zwischen Vallehermoso und Epina). Angesichts der Topografie dieses
Eilands ist Straßenbau hier eine Kunstform, die Bewunderung verdient.
Die Inselbewohner weigern sich immer noch standhaft, eine andere Sprache als Spanisch zu sprechen.
Bemüht man sich, ebenfalls in dieser Zunge zu sprechen, sind sie von einnehmender Freundlichkeit,
und Antipathie schlägt einem höchstens von einigen Privatgrundbesitzern entgegen, wenn man seinen
Wanderweg über deren Grundstück abkürzen will. Dann aber richtig.
Das Klima auf der kleinen Insel ist je nach Region erstaunlich unterschiedlich. Im Norden ist es
während der Sommermonate angenehmer, weil nicht so heiß, im Winter dagegen sind die Tage kurz und
der Himmel häufig wolkenverhangen. Dafür ist es himmlisch ruhig und noch sehr authentisch. Vor
allem Agulo, aber auch Hermigua und Vallehermoso haben einen sehr eigenen und ganz besonderen
Charme. Wem der ganze Hype ums Valle Gran Rey zuviel wird, der ist hier gut aufgehoben und findet
zum Beispiel im Casa Rural Helechos eine schöne, stilvolle Unterkunft.
Und noch ein letzter Tipp: Einen stressfreien An- und Abreisetag auf Teneriffa ermöglicht Günter
(0034696701349). Für einen anständigen Kurs bietet er den Rundum-Sorglos-Service an: Transfers von
und zum Flug- und Fährhafen, Übernachtung mit Frühstück in der Nähe des Airports wenn nötig
(in einem bequemen großen Bett, in dem sogar schon Konstantin Wecker genächtigt hat!). Auch
Rundreisen, Ausflüge und Teide-Besteigungen sind mit ihm nach Absprache möglich. Günter ist
Herzmensch und ein echtes bayrisches Original. Nach nur einem Tag verabschiedet man sich von ihm
wie von einem alten Freund. Und hat auf jeden Fall Lust wiederzukommen.