Eigentlich wollte ich mit Jule eine schöne große Abendrunde drehen.
Aber dann hat sie ihren Schuh verloren. Und so verlief dieser Abend
und der nächste Vormittag ganz anders. Jule ist übrigens mein Hund und sie
trägt einen Schuh, weil sie eine kleine Schnittwunde an der Hacke hat.
Als ich den Verlust bemerke, kehre ich um und gehe denselben Weg zurück.
Dadurch begegne ich Jiri. "Hallo Hund!", begrüßt er Jule. "Hallo, Mensch!",
begrüßt er mich. Er hat eine Menge Bart im Gesicht und auf dem Rücken ein
Riesenbündel, dazu in der Hand auch noch eine sperrige Reisetasche.
Alles in allem macht er nicht unbedingt den Eindruck eines Menschen, der sich
soeben der täglichen Körperpflege gewidmet hat. Aber er strahlt Zufriedenheit,
Wärme und Vertrauen aus. Seit 20 Jahren sei er jetzt unterwegs. Ui!
Tscheche ist er. Wohin er auf diesem Weg denn gelange, will er gern
wissen und ich frage gegen, wohin er denn wolle. "Rom" lautet die knappe Antwort.
Ich zeige ihm die grobe Richtung, aber die kennt er auch selbst.
Heute wird er es allerdings nicht mehr bis Italien schaffen. Die Sonne hängt
schon einen halben Meter über dem Horizont und deshalb fragt er weiter nach
einer Hütte, die mir nicht einfällt oder einem Friedhof zum Übernachten.
Den hat Kley und ich bringe ihn hin. Auf dem Weg erzählt er seine erste
kleine Geschichte. Die von den Satanisten, die eines Nachts in
Ich-weiß-nicht-mehr-wo auf dem Friedhof aufkreuzten und ein teuflisches
Ritual mit Kerzen und schaurigen Gesängen abhielten. Bis es Jiri, der
versteckt etwas abseits in den Büschen gelegen hatte und einfach nur seine
Ruhe haben wollte zu dumm wurde. Laut tschechisches Zeugs brüllend rannte er
auf die Bande zu, die erschrocken die Flucht ergriff. "Man sollte doch meinen,
Satanisten hätten etwas mehr Mumm", meint Jiri dazu lakonisch. Der Mann
gefällt mir. Er kann doch eigentlich auch bei uns schlafen?
Ein Bett will er allerdings nicht, um sich nicht an Bequemlichkeit zu
gewöhnen. Er richtet es sich lieber im Fahrradschuppen ein, die Räder müssen
ausnahmsweise draußen frieren. Unter die angebotene Dusche zieht es ihn auch
nicht gerade mit unwiderstehlicher Gewalt, aber was soll´s. Bei einem leckeren
Hövels auf der Terrasse erzählt er aus seinem Leben. Seit 20 Jahren auf Wanderschaft! Wie kann es dazu kommen? Mit Abenteuerromantik hat es wohl nichts zu tun. 1986 wurde er Opfer eines Bergbauunglücks. 32 Tage lebendig begraben. Zunächst waren sie noch zu fünft und hatten ein wenig Platz um sich herum. Doch langsam und unerbittlich rutschten die Felsmassen tiefer und tiefer. Die letzten 18 Tage konnte Jiri nur noch liegen, das Gestein direkt vor dem Gesicht. Mit Wasser werden sie versorgt, es fließt unaufhörlich, man weiß, wo die Verschütteten sich befinden, immerhin. Er unterhält sich mit seinem Kumpel, sie sprechen sich gegenseitig Mut zu, bis er irgendwann nicht mehr antwortet. Acht Stunden vor der Rettung ist er gestorben und das verzeiht ihm Jiri bis heute nicht. Endlich freigeschaufelt und nach oben geschafft, soll er ins Krankenhaus gebracht werden. Aber er haut ab und geht erstmal zwei Bier trinken. Ob das alles stimmt? Wikipedia weiß nichts von dem Unglück, aber in der kommunistischen Tschechoslowakei dürfte man so eine Sache wohl auch kaum an die große Glocke gehängt haben. Auf jeden Fall ist es spannend ihm zuzuhören. Und wenn er dieses Martyrium tatsächlich durchgemacht hat, dürfte er da schon die erste Delle in der Seele abgekriegt haben.
Unter den wenigen Sachen, die er mit sich trägt, ist ein Foto. Es zeigt seine
Eltern und seine Geschwister. Alle zusammen kamen bei einem Unfall in
Griechenland ums Leben. Dazu droht ihm als Soldaten 1989, kurz vor der Öffnung
des Eisernen Vorhangs, die Todesstrafe wegen Hochverrats, da er Leuten bei der
Flucht geholfen hat. Immer noch nicht genug? Wie wäre es noch mit einer
Scheidung und dem Verlust des Hauses? Wer nichts mehr zu verlieren hat,
macht sich schließlich auf den Weg…
Wie soll ich den Jiri beschreiben, der jetzt 20 Jahre und unzählige Kilometer
danach auf meiner spießigen Terrasse sitzt? Ein äußerst gebildeter Mensch, der
über die Existenz so genannter Tachyonen philosophiert. Einer, der sich nie
unterkriegen lassen hat. Der gleichermaßen Sanftheit, Menschenliebe und tiefes
Gottvertrauen ausstrahlt wie auf der anderen Seite Zähigkeit und körperliche
Abhärtung. Der unterwegs Rotwein gemischt mit Cola trinkt (pfui Teufel!!!).
Der sich den Glauben an das Gute bewahrt hat. Der noch nie gestohlen hat und
noch nie jemanden angegriffen hat, sich aber durchaus zu verteidigen weiß, wie
gegen den Russen, den er mit einigen Hieben gefällt hat, aber mit der flachen
Hand, aus Angst seine Bergmanns-Faustschläge würden den anderen töten. Oder
gegen den Kumpel, der ihn so bitter bestohlen und, schlimmer noch, verraten hat.
Den er dann, man sieht sich zweimal, wieder getroffen hat und ins Gesicht
hinein prophezeit hat, dass er mit seiner Schuld nun bis ans Ende seiner Tage
wird leben müssen - eine schlimmere Strafe als eine Abreibung!
Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen und gehen dann ein Stück gemeinsam,
Jiri, Jule und ich. An Unterhaltungsstoff mangelt es nicht. Er hat soviel erlebt!
War in Libyen als vermeintlicher Spion eingesperrt (Narben im Gesicht künden
von der Spezialbehandlung dort). Lernte die Gastfreundschaft der Menschen in
Kurdistan kennen, die selbst nichts haben, aber alles teilen. Heuerte auf
einem Fischkutter nach Island an und ging dreimal aus Versehen über Bord.
Schlief in Norwegen bei 45 Grad minus.
Einmal sei die Versuchung wirklich groß gewesen. Eine ältere Dame habe ihn
mitgenommen und dann an der Tankstelle sei sie Kaffee trinken gegangen,
während er im Auto wartete. Um etwas zu lesen zu suchen, habe er das
Handschuhfach geöffnet und dort zwei dicke Bündel Geldscheine liegen sehen.
Gebetet habe er: "Lass die Frau schnell wiederkommen!" Wie sich dann
herausstellte, waren dies die Einnahmen ihrer drei Söhne und sie hatte sie
vollkommen vergessen. Aus Dankbarkeit, nicht bestohlen worden zu sein, zieht
sie ein paar Scheine aus dem Bündel und gibt sie Jiri.
Ein anderes Mal wurde er zum Übernachten eingeladen. Am nächsten Morgen lag
ein Zettel auf dem Tisch: "Musste beruflich weg, bin in etwa einer Woche wieder
da. Fühl dich wie zu Hause." Obwohl sie sich eigentlich gar nicht kannten.
Jiri missbraucht das Vertrauen nicht, weil er weiß, dass alles auf einen selbst
zurückfällt. Dass diese Welt Menschlichkeit und Vertrauen mehr als alles
andere braucht. Dass Dinge und Besitz nicht so wichtig sind.
Am Teich in Langendreer machen wir ein kleines Päuschen. Bald gesellt sich
ein älterer Herr zu uns. Die Zeit steht still, bzw. spielt keine Rolle mehr.
Nur der Moment zählt. Drei Männer auf einer Bank, die sich Witze erzählen,
scherzen, mit Passanten flirten, mit ihren Hunden spielen und sich die Sonne
ins Gesicht scheinen lassen. Doch irgendwann kommt sie dann doch, die Stunde
des Abschieds, der sehr herzlich ausfällt. 20 Euro geb ich ihm noch mit auf
den Weg. Ich habe so viel von ihm gelernt und so viel schöne Zeit verbracht.
Wir tauschen Zettel mit Nummern und Namen aus. Aber ob wir uns tatsächlich
wieder sehen werden? Vielleicht, wenn er irgendwann wieder in der Gegend ist.
Oder in einigen Jahren in seiner tschechischen Heimat, wenn er die
Ruhelosigkeit doch irgendwann satt hat…