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"Hier sind die Bösen!", ein Zeigefinger fährt die Küste entlang. "Hier", derselbe Finger zieht jetzt einen großzügigen, das gesamte Landesinnere umschließenden Kreis: Berge, Nationalparks, Seen - "hier tut dir keiner was!"
Es ist so beruhigend, seine Stimme zu hören, die Stimme meines welterfahrenen, seelenbefriedeten Freundes, der wie ein Engel meinen Weg gekreuzt hat, gerade als die Angst mich zu würgen beginnen wollte. Ihm kann ich vertrauen, er hat schließlich schon mehrfach die Sahara durchquert, er kennt sich aus.
Ich kam gerade aus der Innenstadt, hatte versucht einen Reiseführer zu finden, in dem ich mich ein wenig über Kalabrien hätte kundig machen können, hatte erstaunt feststellen müssen, dass es keinen gab und stattdessen nur eine einfache Straßenkarte erworben. Nun fragte ich mich ernsthaft, ob meine aus dem Bauch heraus getroffene Entscheidung, von heute auf morgen für eine Woche dorthin zu verreisen so richtig gewesen war. Den Flughafen Lamezia Terme hatte ich im Internet entdeckt, 360 Mark der Flug ab Düsseldorf. Ich gestehe, ich musste im Diercke-Weltatlas nachschauen, wo um Himmels Willen das überhaupt lag, dieses Lamezia. Jau: Süden. Verdammt Süden sogar, also genau richtig nach den verregneten letzten Wochen hier. Lamezia, das zergeht auf der Zunge, genau wie "Kalabrien". Wahrscheinlich habe ich deshalb gebucht: Weil es einfach so schön und verheißungsvoll klingt, Sehnsüchte weckt, Bilder von malerischen Sonnenuntergängen und rassigen italienischen Signorinas heraufbeschwört.
"Ich bin doch keine 40 mehr!", jammerte ich jetzt beim Tartufo aber immer noch meinem Engelfreund die Ohren voll (na ja, vor sechs Wochen war ich 41 geworden, höchste Zeit also für eine anständige midlife-crisis).
"Quatsch. Das ist Klasse." Er wischte meinen blödsinnigen Einwand mit einer einzigen Handbewegung weg. Und seine nur durch die Betrachtung der Karte geweckte Begeisterung steckte allmählich an. Grün markierte Landstraßen (besonders schöne Strecken also!) ohne Ende, herausfordernde Höhenangaben bis über 2000 m hinaus, der von der Fantasie zu erahnende Blick vom Gipfel hinunter ins Tal, himmlische Ruhe am Ende der in winzigen Bergdörfern endenden Sackgassen.
"Du musst in die Berge. Das Meer ist da sowieso nur mittel, so heißt es doch schon." Klar, weg von den ausgetretenen Touristenpfaden hinein ins Ursprüngliche, genau das wollte ich doch auch. Und jetzt, vom Eis waren nur noch allerletzte Schokoladenspuren am Becherboden übriggeblieben, jetzt wollte ich auch wieder und meine Angst vor dem Fremden, vor dem Unbekannten, vor dem Alleinsein, vor dem Risiko, all diese meine Ängste hatten sich aufgelöst, nein, waren verwandelt worden in Neugier und Abenteuerlust. Ich freute mich auf meinen Trip! Einige Tage später war es soweit. Das Flugzeug brachte mich in etwas mehr als zwei Stunden ans vorläufige Ziel meiner Reiseträume. Während die Maschine in großzügigem Bogen den Landeanflug vornahm und dabei von Küste zu Küste und wieder zurück schwebte, so schmal ist Italien hier, konnte ich den ersten echten Blick auf die Berge werfen, die ich bis dahin nur von der Karte her kannte. Doch aus der Höhe sehen Berge mitunter enttäuschend aus, sie offenbaren ihre Schönheit, ihren Charme, ihren Charakter oft erst, wenn man sie aus intimer Nähe betrachtet, wenn man sich bereits wieder mit ihnen versöhnt und angefreundet hat, nachdem man sie beim kräftezehrenden, nicht endenwollenden Anstieg mit dem Rad verflucht und beschimpft hat. Erst dann machen auch die Berge ihre Geschenke und nur demjenigen, der es sich ehrlich verdient hat. Gerade so, wie auch zwischen Menschen tiefste Liebe und seligstes Vertrauen erst nach erfolgreich überstandenen Kämpfen möglich ist. Das Überfliegen jedoch - na ja, Berge eben.
Ebenso Lamezia. So lange die Stadt noch keine Stimme hat, keinen Geruch, keinen Sound, solange man noch an keiner roten Ampel gewartet, in keiner Taverne etwas getrunken und niemanden gesprochen hat, so lange ist sie zwangsläufig noch nichtssagend, gesichtslos, beliebig. Häuser, Straßen, Autos, wie überall.
Die Sonne steht schon reichlich tief, das ist der Nachteil, wenn man im Sommer gen Süden reist, die Tage werden kürzer. Ich mag kein Quartier im Dunkeln suchen, mag nicht durch die Nacht irren. Solange es noch dämmert, jage ich, selbst meinen Pinkelreiz unterdrückend, um nicht unnötig Zeit zu verlieren, die Landstraße entlang der Küste nach Norden bis ein Campingplatz kommt. Für die erste Nacht brauche ich den, ich will es ruhig angehen lassen, habe Lust auf einen Schlummertrunk und es verlangt mich nach behütetem, eingezäuntem Schlaf. So in hektischer Eile rausche ich am ersten Schild "Camping Ulisses" vorbei, ich habe es nur aus den Augenwinkeln heraus gesehen. Und in so unmittelbarer Nähe zum Flugplatz mag ich auch noch nicht bleiben, also weiter. Wer weiß, wie meine Reise verlaufen wäre, hätte meine Odyssee, nomen est omen, von diesem Platz aus begonnen, doch davon später!Die Straße hat keinen Radweg, ist stark befahren. Irgendwann bleibt mir nichts anderes mehr übrig, ich muss mein Schlusslicht hervorkramen und notdürftig befestigen, denn dort wo es eigentlich hingehörte, unterhalb des Sattels, wäre es nicht sichtbar, beladen wie ich bin. Die Ortschaften sind hässlich, oder liegt das an diesem aschfahlen Dämmerlicht? Links und rechts Kneipen und Spielsalons. Weiter. Ich kann meinen Harndrang nicht länger kontrollieren, muss auch etwas trinken, und dunkel ist es jetzt eh. Wer weiß schon, wann der ersehnte Campingplatz auftauchen wird? Ich stelle mich einfach an den Straßenrand, die Dunkelheit schützt mich. Doch ein Fußgänger passiert mich ausgerechnet im wehrlosesten Moment. Hastig knöpfe ich mir die Hose zu, frage unschuldig, erstmalig mein Basis-Italienisch anwendend, nach einem campeggio. Und siehe da: Es sind gerade mal noch hundert Meter, auf der anderen Straßenseite, meerseits gelegen!
Im doppelten Sinn erleichtert gehe ich zur Rezeption, wo eine nette Signorina wacht. Der Übernachtungspreis überrascht mich positiv und macht finanzielle Reserven für die Abendgestaltung frei: Wein ist mein Begehr! In der kleinen Kaschemme mitten auf dem Platz erprobe ich erneut mein Italienisch. Es gelingt mir jedoch nicht, einen halben Liter (un mezzo litro) Wein zu ordern. Erst bekomme ich nur ein kleines Gläschen und dann, das Licht der Erkenntnis huscht über das Gesicht der Bedienung wie ein Spot über eine Disco-Tanzfläche, eine Riesenflasche Fusel-Landwein. Resigniert stimme ich zu, unter der Bedingung, einen weiteren Kübel Eis dazu zu bekommen. Das geht mit Zeichensprache. Kalt lässt sich alles trinken und ich habe Durst, großen Durst. Die umherhuschenden, fast erwachsenen Mädels werden von Schluck zu Schluck hübscher, die Musik rührt mich von Glas zu Glas mehr an. Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein, ein Prosit auf die laue Nacht! Leider bin ich so erzogen worden, dass es sich nicht gehört etwas wegzuschmeißen oder -zuschütten, erst recht keine Lebensmittel und hier fällt Wein eindeutig unter diesen Oberbegriff. Tapfer kippe ich auch noch den Rest des Zeugs in mich rein. Die gerechte Strafe folgt nach kurzem, unruhigem Schlaf. 6.00 Uhr zeigt die Uhr und mir ist schlecht. Sehr schlecht sogar. Zum Glück finde ich einen hübschen Platz zum Erbrechen, außer Sichtweite etwaiger sonstiger Frühaufsteher. Auch beim zweiten Passieren meiner Geschmacksorgane schmeckt der Wein noch nicht besser. Ich habe nur noch eine Chance: Das Meer. Endlose einhundertundfünfzig Schritte entfernt spült es mir seinen erfrischenden Trost entgegen. Hinein! Das tut gut.
Deutsches grüßt. Ließ sich wohl nicht vermeiden. Als erstes fällt mir sein Bauch auf: Völlig überproportioniert im Verhältnis zum noch jungen Körper. Doch der Mann ist nicht unsympathisch. Zeigt Interesse ohne sich aufzudrängen, smalltalkt ohne Sunshine-Grinsen. Nach dem zweiten Bad im Meer lade ich mich zum Kaffee ein. Beiläufig erzählt er mir von seinem Unglück. Seine Tasche sei ihm von der Schulter gerissen worden, fast den Arm ausgekugelt habe er sich, bei dem Versuch sich zu wehren. Weg das Ding und alles Hab und Gut: Bargeld, Scheckkarten und vermutlich auch das Foto der Freundin (schade, ich hätte gern nachgesehen, ob die beiden sich wohl figurlich ergänzen). Und jetzt?, will ich wissen. Kein Problem. Er hat bereits seine Mutter (!) angerufen, die überweist ihm Geld nach Frankreich (!!), er wolle sich gleich auf den Weg machen, in zehn Stunden (!!!) wäre er dort und morgen schon zurück. Warum nach Frankreich? Weil es nach Italien länger dauern würde. Ich kann es kaum fassen: Zwei Tage im Auto, bei diesem Wetter? Und dann bricht sich Barmherzigkeit Bahn, aus freien Stücken biete ich ihm an, 50,00 DM, bzw. 50.000 Lire zur Verfügung zu stellen, damit er die drei Tage überbrücken kann, bis das Geld seiner Mutter hier in Kalabrien einträfe. Leihweise natürlich, denn eine so treue Seele mit einem dermaßen vertrauenerweckenden Bauch würde mich doch nicht hinters Licht führen wollen, oder! Zum Beweis zeigt er mir das Protokoll seiner Strafanzeige, ich kann mir natürlich seine Personalien notieren. Darauf verzichte ich allerdings, weiß ich doch, dass ich zu Hause damit wohl kaum etwas anfangen können werde, wenn er seine Schulden nicht bezahlt. "Guten Tag, ich möchte Anzeige gegen Torsten-Max Sowieso erstatten. Ich habe dieser Person irgendwo in Kalabrien 50,00 DM gegeben und jetzt gibt er sie mir nicht wieder, der gemeine Kerl, obwohl er das versprochen hat." "Was? Das darf er nicht! Wir werden sofort Großalarm auslösen und notfalls Interpol einschalten. Der kommt nicht über die Grenze, den kriegen wir!" Hahaha.
Natürlich habe ich die 50,00 DM nie wieder gesehen. Natürlich war die E-mail-Adresse, die er mir auf meine Straßenkarte mitten ins blaue Meer gekritzelt hat eine x-beliebige. Natürlich war die Telefonnummer falsch. Im Grunde habe ich es vorher gewusst. Aber ich würde es wieder tun. Der nächste, dem ich auf den Leim gehen werde, könnte ja die Wahrheit sagen und ich könnte ihm wirklich etwas Gutes tun mit meinem blöden Geld. Nicht ich bin der Gelackmeierte, der Fuffi bringt mich nicht um. Diesmal nicht und nächstes Mal auch nicht. Der schleppt die Schuld mit sich rum und irgendwann wird der im Fegefeuer seines schlechten Gewissens schmoren. Solche Leute können auf die Dauer nicht glücklich werden, schon gar nicht, wenn sie außer einem miesen Charakter auch noch einen so auffallenden Bauch mit sich herumschleppen müssen. Ich dagegen, ich rette die Welt mit meinem Edelmut!
Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als ich endlich aufbreche. Mein Körper sagt wieder ja zu mir, erlaubt mir wieder in die Pedalen zu treten. Ich finde eine Straße abseits der Hauptstraße, sie schlängelt sich am Berghang entlang, erlaubt bizarre Ausblicke auf pittoreske Dörfer und den schnurgeraden Endlosstrand dahinten zur Linken. Wasserstop an einem kleinen Laden. Sofort ein Italiener bei mir, sofort ein kleines Gespräch, Radfahrer verstehen sich in jeder Sprache. Er selbst fährt täglich mit seinem Bike durch die Berge, 2 Stunden, 50 Kilometer, er zeigt mir auf der Karte wo. Das eisgekühlte Wasser gibt´s natürlich gratis und viele gute Wünsche noch dazu. Die zunehmende Bewölkung macht mir ein bisschen Sorgen. In den Bergen sind die Gipfel verhüllt, es ist schwül. Sollte ich das schlechte Wetter mit in den Süden genommen haben? Mein Herz schlägt vor, die Dinge so zu nehmen wie sie eben kommen werden, doch mein Kopf will sich darauf noch nicht so richtig einlassen. Ich werde ihm noch etwas Zeit geben müssen.
Nach einem erfrischenden Bad im Meer beschließe ich, eine erste Probeetappe in den Berg hinauf zu wagen. Es dauert ein bisschen, bis ich die kleine Straße hinauf nach Falconara gefunden habe. Was dann passiert ist unvorstellbar. Diese Straße ist so steil, dass ich sie nur kreuzend zu erklimmen vermag. Wie eine Wand steht Asphalt vor mir, fast löst sich das Vorderrad vom Boden, fehlt nur, dass ich mich nach hinten herum überschlage. Ich komme an einem Haus vorbei. Spielende Kinder, sie lachen sich halbtot. Ach, welch schöner Klang, helle, fröhliche Kinderstimmen. Natürlich machen sie sich über mich lustig, sie sagen allen im Haus Bescheid und schon steht die ganze Familie an der Straße und amüsiert sich über den Bekloppten, der sich in der Mittagshitze, beladen wie ein Straßenhändler, mit einem Fahrrad, si, un bicicleto!, die ungefähr 25prozentige Steigung hinaufquält - ein Irrer! Sie halten mich für total übergeschnappt und sie haben Recht damit. Sie wissen etwas, das ich nicht weiß, nämlich, dass die Straße im weiteren Verlauf nicht etwa abflacht, sondern ... - nein, steiler wurde sie nicht, das wäre gar nicht möglich gewesen! Sie blieb einfach so für die nächsten Stunden. Alle hundert Meter Rast im Schatten. Wasser. Weiter. Mein Herz rast wie wild. An einer Stelle, wo immerhin ein paar Bäume auf einmal stehen gönne ich mir eine längere Pause. Mein Gott, was fällt mir ein! Warum tue ich das? Endlich, endlich, endlich erreiche ich Falconara und den köstlichen Brunnen in der Ortsmitte. Zwei Stunden für ganze fünf Kilometer, aber wenigstens kein Kreislaufkollaps. Noch weiter bis zum nächsten Pass? Fast bin ich so töricht, denn so kaputt ich bin, so verrückt bin ich offenbar auch. Die Stimme der Vernunft siegt zum Glück. Ich möchte noch eine Nacht am Meer verbringen, also Abfahrt. Endlose Serpentinen wieder hinunter, mir kommen tatsächlich Radfahrer entgegen, aber nur die bunte Sorte, mit den Reklameleibchen und den Hochglanzflitzern. Die grüßen mich nicht einmal. San Lucido (immer noch zweihundert Meter hoch), wo ich schließlich am Nachmittag einrolle, ist ein gemütliches, nettes Kaff, mit hübschem Blick zum Meer hinunter. Ich gönne mir ein großes, leckeres Eis. Das ham wir uns verdient, dubidua!
Dann geht´s ganz hinunter und ich bin wieder da, wo ich vor Stunden schon war: Am Strand. Die Öde der Geradlinigkeit wird nur durch künstliche Buhnen unterbrochen. In der Ferne taucht Paola auf und verschwindet anschließend wieder hinter mir. Schade, von dem Namen hatte ich mir als gebürtiger Paolo mehr versprochen. Schließlich lande ich in Marina Fuscaldo, also dem am Meer gelegenen Teil der Ortschaft, deren historischer Kern majestätisch etwas landeinwärts auf einem Hügel liegt. Dort würde ich gern übernachten, abends in einer Taverne im centro storico abhängen. Doch bevor ich mich erneut an einen schweißtreibenden Aufstieg mache, erkundige ich mich vorsichtshalber, ob es dort ein preiswertes Hotel gibt. Überhaupt kein Hotel gibt es dort, da kann ich ruhig drei verschiedene Leute fragen, was ich natürlich tue. Und hier unten gibt´s auch nur einen Vier-Sterne-Schuppen, aus dem bereits jetzt unerträgliche Animationsmusik hervorquillt. Ich fahre weiter und als ich mit gar nichts mehr rechne, da schenkt mir der Liebe Gott genau das, was ich brauche: Einen kleinen Campingplatz. Beim Zeltaufbauen komme ich ins Gespräch mit einem Engländer, der den ganzen Weg von Lancaster mit dem Rad gemacht hat, fast dreitausend Kilometer. Er will noch weiter nach Sizilien, wo er auf eine Party eingeladen ist! Er sieht ein, dass er verrückt ist - vier Wochen unterwegs, um auf eine Fete zu gehen!
Was mich erstaunt, ist seine weibliche Begleitung. Wie hat er die nur so schnell kennen gelernt, er kann doch auch erst vor kurzer Zeit angekommen sein? Nein, es ist seine treue Freundin, die seine Etappen mit dem Zug abfährt. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nun auch wieder nicht, denn im Laufe des Abends stellt sich heraus, dass sie eigentlich in Kanada wohnt. Aber weiter bohre ich nicht, das wird mir zu kompliziert. Lieber gehe ich ein letztes Mal für heute schwimmen. Am Strand gibt es eine fabelhafte Terrasse, die zu einem Restaurant gehört. Es sieht edel aus und ich mache mir nicht allzuviel Hoffnung, als ich auf die Speisekarte schaue. Doch die Preise sind völlig in Ordnung und so mache ich es mir bequem, beobachte die Sonne, die einfach so ins Meer fällt, ohne großes Brimborium, ohne spektakuläre Wolkengemälde, ohne heimkehrende Fischerboote, ohne vorbeiziehende Möwen. Kein kleines bisschen Dunst zwischen Sonne und Wasser, gestochen scharf der Trennstrich des Horizonts. Dabei muss irgendwo dahinten Capri sein. Ich bin und bleibe der einzige Gast, werde bedient von drei sorgfältig gekleideten Kellnern. Wie kann sich das rechnen? Aber daran will ich jetzt nicht denken, das sollen nicht meine Sorgen sein. Lieber lasse ich mir den gegrillten Fisch schmecken. Dann, nach der erstaunlich niedrigen Rechnung, kommen doch noch Gäste. Hier gehen die Uhren eben anders. Der Italiener wird jetzt lebendig. Und hungrig. Doch ich bin müde und satt und lege mich zur Ruh. Denn morgen werde ich früh aufstehen. Dann geht es richtig ins Gebirge und zwar bevor die Hitze unerträglich wird. Hatte ich heute morgen Wolken gesehen?
Der frühe Vogel fängt den Wurm. Es geht zunächst hinauf nach Fuscaldo und ich erlebe eine positive Überraschung: Nicht jeder kalabrische Berg fordert einen bis an die Schmerzgrenze. In verschwenderischen Serpentinen schraubt sich die gut asphaltierte und wenig befahrene Straße durch eine im Morgenlicht wunderbar mild wirkende Landschaft bis zur Stadt hinauf. Dort gibt es einen Brunnen, an dem sich offenbar die gesamte Region mit Wasser versorgt. Zum ersten, aber längst nicht letzten Mal sehe ich einen dieser dreirädrigen Kleinlaster, vollbeladen mit Kanistern und Flaschen. Das Wasser ist herrlich kalt. Überhaupt immer wieder eine erstaunliche Erfahrung, nämlich, dass es auf anstrengenden Bergtouren, sei es mit dem Rad oder auch zu Fuß, nichts Wohlschmeckenderes und Laberendes gibt als dieses kristallklare Naturwasser. Dafür würde ich jedes andere Gesöff stehenlassen, von Red Bull bis Ochse Orange, erst recht die so genannten Sportgetränke mit ihrem isotonischen Schmu. Wasser ist Leben, an diesen Quellen wird man daran erinnert. Netter Nebeneffekt sind die kleinen Gespräche am Rande, während die Flasche voll läuft, die Mütze getränkt wird. Ich habe den Eindruck, dass eine Menge "gesellschaftliches Leben" sich rund um diese Wasserzapfstellen abspielt. Gern lasse ich mir die immer gleichen Fragen stellen, woher ich komme und wohin ich will, ob ich die ganze Strecke mit dem Fahrrad gekommen sei und vor allem, das Wichtigste, wie es mir in Kalabrien gefällt. Bei der Beantwortung in italienischer Sprache werde ich von Mal zu Mal routinierter. Es tut gut, so freundlich und wohlwollend angesprochen zu werden, es macht Freude, zu antworten. Ein schöner Kontrast zum gestrigen Ausgelachtwerden!
Sogar schattig ist die Straße, der Ausblick mitunter atemberaubend. Die Nebelschwadenwolken sind zum Greifen nah, die Gipfel verschwinden bereits wieder unter einer weißen Steppdecke. Meine Hochrechnungen strotzen vor Optimismus, schon bald werde ich die Passhöhe erreicht habe. Gerade als ich mich zwar noch nicht endorphin glücklich, aber immerhin doch rundum zufrieden zu fühlen beginne, habe ich den ersten Platten. Nun ja, das kann passieren. In aller Seelenruhe sattle ich ab, schiebe das Rad in den nächsten Schatten und schnall das Gepäck ab. Statt nur den Ersatzschlauch zu montieren, repariere ich gleich noch gutgelaunt das Loch. Ich habe mir Zeit gelassen, Zeit, von der ich doch genug habe und fahre nun weiter. Die Passhöhe enttäuscht, kein freier Blick, nur eine bewaldete Kuppe. Und abwärts geht´s, nach den ersten Kurven entspanne ich mich, zwischen einzelnen Stämmen ist weit, weit unten eine Ebene zu erkennen. Pffft. Och nö, denk ich, nicht schon wieder! Aber was hilft´s? Eine kleine Spur weniger ausgeglichen wiederhole ich die gleiche Prozedur, schaue mir diesmal aber auch gründlich den Mantel an. Oh, oh! Warum habe ich aber auch vor der Reise keinen neuen aufgezogen? Und da sind wir auch schon beim ersten nützlichen Tipp für alle Nachahmungstäter. Immer für ausgezeichnetes Material sorgen, nach Möglichkeit in doppelter Ausführung. Ich habe natürlich keinen Ersatzmantel mit, für die eine Woche. Aber ich kann improvisieren. Ein kleines Stück Hartgummi, keine Ahnung, wozu ich das eingepackt habe, zwischen Mantel und Schlauch eingelegt, bietet notdürftig Schutz. Hoffentlich. Tipp Nummer Zwei: Teile zum Improvisieren mitnehmen. Vielseitig verwendbaren Kleinkram. Nimmt kaum Platz weg, kostet nichts, frisst nichts.
Weiter geht die Abfahrt. Ich liege nicht mehr ganz so gut in der Zeit. Schon bald drei Uhr, ich könnte ein stärkendes Mahl verkraften. Im Vorbeihuschen ein Hotel/Restaurant, idyllisch am Hang gelegen. Kastanienbäume, Vogelgezwitscher, eine große Terrasse. Warum nicht? Eine Flasche Wasser frizzante und das von Enzo empfohlene Nudelgericht. Enzo: Eine schnauzbärtige Seele von Mensch, ihm glaubt man alles. Sein Deutsch ist Bayrisch. Lange Jahre hat er dort gelebt, die dialektische Mischung aus Süddeutsch und Süditalienisch klingt zu putzig. Natürlich weiß er, wo ich einen neuen "copertone" - das Wort habe ich natürlich nachgeschlagen - bekommen kann. Allerdings: "Die faulen Italiener" (Originalton Enzo!) machen jetzt Pause. Erst um Fünf, vielleicht halb Fünf macht der Laden auf. Aber er muss sowieso gleich in die Stadt, er kann mich mitnehmen. Allerdings nur hin, da er noch weiter fährt, bis nach Cosenza. In San Benedetto steige ich also aus. Es ist noch zu früh, ich gehe spazieren. Alte Leute hocken herum, manchmal geht ihnen in der Mittagshitze der Gesprächsstoff aus. Sie blicken mir, äußerlich teilnahmslos nach. Ich bin ein Fremder in diesem Dorf, claro. Ich bin blond, ich trage kurze Hosen und eine Sonnenbrille mitten im roten Gesicht. Doch ich fühle mich nicht unbehaglich, obwohl ich spüre, dass ich hier nicht hingehöre, nicht dazugehöre.
Zu schön der Blick über die Ebene auf das majestätische Montalto, zu flirrend die Sommerglut in den Gassen, zu betörend der Klang der großen Stille. Eine verfallene Kirche. Wilde Pfefferminze noch und noch. Ich liebe diesen Geruch an meinen Fingern, der von einzelnen zwischen Daumen und Zeigefingern zerriebenen Blättern aufsteigt, die ich mir immer wieder direkt vor die Nase halte. Auch das wohl eine Geste, die mich von Einheimischen unterscheidet. Die Straße verwandelt sich jetzt in einen Weg, der in den Wald und leicht bergauf führt, am Friedhof vorbei. Wie wohltuend einsam es hier zwischen den Bäumen ist. Zwischen den Stämmen tanzt Sonnenlicht. Die Wärme auf der Haut, der Pfefferminzduft, der laue Wind in meinem Nacken, der dampfende Schweiß auf meiner Stirn - all das ist so voller Sinnlichkeit, so eigentümlich erotisierend, dass ich Lust bekomme. Sex unter freiem Himmel, was kann schöner sein, selbst wenn außer mir leider niemand da ist! Ein wenig wehmütig denke ich an Zuhause, frage mich, wie lange ich es ohne meine Liebste aushalten würde. Ohne ihre Berührungen, ohne ihr zärtliches Raunen, ohne ihr Räkeln, ohne ihr Sich-mir-öffnen. Ich weiß es nicht, nur, dass diese eine Woche wohl noch kein Grund zur Panik ist, auch wenn ich jetzt gern mit ihr auf dieser Lichtung wäre! Zurück aber jetzt, zurück mit den Gedanken nach Italien, zurück in den Ort, zurück zum Geschäft, das jetzt geöffnet haben dürfte.
Der Ladenbesitzer ist ein blonder, blauäugiger Italiener, Sohn eines deutschen Soldaten wie er mir unaufgefordert erzählt, nachdem er mich per Handschlag begrüßt hat. Was er für mich tun kann. Ah, ein copertone, natürlich, kein Problem.
Ich freue mich fast auf den nächsten Anstieg, der mich in angenehmere Temperaturen und einsamere Gegenden führen soll. Schließlich geht es, wie nicht anders zu erwarten war, konsequent bergauf, doch ich bin guter Dinge und passe auf mich auf, lege mehrere kurze Esspausen im Schatten ein und trinke, trinke, trinke. Das nächste Etappenziel ist Acri, circa 700 Meter hoch gelegen, letzter Ort vor dem dahinter bald beginnenden Naturpark. Ich kaufe also noch das eine oder andere ein, will auch noch essen gehen. Als ich aus dem Supermarkt komme, ist der Reifen platt. Nun gut, damit war zu rechnen. Schade nur, dass ich die Hundescheiße am Reifen nicht bemerke und voll hineinlange. Auch sonst macht das Reparieren wenig Spaß. Ich habe Hunger und Acri gefällt mir nicht. Mehrere Ortsteile verteilen sich auf Berge und Täler, es ist kaum möglich sich zu orientieren und wo ist hier überhaupt der Kern?
Während ich in den kleinen Straßen umherirre, geht der Reifen, trotz des neuen Mantels schon wieder kaputt. Das ist nicht mehr lustig. Diesmal finde ich auch kein Loch und tausche einfach den Schlauch aus. Beide Schläuche sind schon von Flicken übersät. Mein Flickzeug geht zu Ende. Es ist Samstag, der Fahrradladen ist geschlossen. Trotzdem, ich muss jetzt erst einmal etwas essen. Ich gehe in ein recht feines Restaurant, das einzige in der ganzen Stadt, das jetzt geöffnet hat. Durchgeschwitzt, mit schwarzen Händen und Trauerrändern unter den Fingernägeln. Notdürftig wasche ich mich im Toilettenwaschbecken, bevor ich mich über Nudeln und scalloppine aceto balsamico hermache. Das Fleisch liegt schwer im Magen oder ist es die innere Unruhe? Endlich habe ich den richtigen Weg hinaus gefunden, was bin ich froh dieses unselige Kaff hinter mir lassen zu können. Ach, ich ahne ja nicht, was für Prüfungen mir hier noch bevorstehen! Es ist Nachmittag und gerade einmal 5 Kilometer liegen zwischen Acri und mir als mich die nächste Panne heimsucht. Ein paar jugendliche Mountain-Biker spenden Flickzeug. Wenigstens das! Doch es nützt ja nichts, es nützt ja nichts, die Schläuche sind offenbar unreparierbar. Dann fällt mir das Buch "Der Alchimist" von Paolo Coelho ein: Achte auf die Zeichen! Ich soll hier noch nicht weg, weiß ich plötzlich. Noch bin ich in relativer Sicherheit, Acri in erreichbarer Nähe, Acri mit seinen Geschäften, seinem Restaurant und vor allem seinem Fahrradladen. Wieso habe ich verdammter Trottel mich eigentlich in Montalto nicht auch gleich mit neuem Schlauch und ausreichend Flickzeug versorgt? Das habe ich jetzt davon. Richtung Acri hält der Reifen erstaunlicherweise, was meine "alchimistische" Theorie stützt. Ich finde sogar einen recht idyllischen Platz zum Übernachten, mit schönem Blick in eine Schlucht. Und nicht zu weit entfernt vom nächsten Brunnen. Dann rolle ich wieder hinunter in die Stadt.
Freude macht mir das Wiedersehen nicht gerade. Verzweifelt versuche ich irgendwo Schlauch und Flickzeug aufzutreiben. Nichts zu machen. Doch: In einem Kramladen bekomme ich sogar einen Schlauch geschenkt. Der hat zwar auch schon bessere Zeiten gesehen, das Ventil ist fast hinüber, ist aber besser als nichts. Ich verwerfe den verlockenden Gedanken, lieber ein Hotelzimmer zu nehmen und den Samstagabend unter Menschen zu verbringen und radle wieder zu meinem Schlafplatz. Ein verrückter Tag endet mit einem wunderschönen Sonnenuntergang. Am nächsten Morgen rolle ich ohne Gepäck zum Brunnen, wasche mich und hole frisches Wasser. Kaum wieder am Übernachtungsplatz angelangt, ist der Reifen auch schon wieder platt. Die Geschichte wird langweilig? In der Tat! Nun bin ich wild entschlossen. Es ist früh am Morgen, acht Uhr. Ein hoffentlich letztes Mal muss ich nach Acri. Ich klingel den Fahrradladenbesitzer aus dem Bett. Und ich habe Glück. Der Mann zieht sich an für mich, öffnet seinen Laden für mich, hier ist das Paradies, hier gibt es alles was ich brauche. Er lässt nicht einmal zu, dass ich den neuen Schlauch selbst montiere, er macht es für mich, wohl hat er meine Verzweiflung gespürt. Ich versuche mir vorzustellen, wie es einem Ausländer in Deutschland erginge, der die Unverschämtheit besäße, am heiligen Sonntagmorgen einen Ladenbesitzer aus dem Bett zu klingeln und dann, des Deutschen nur wenig kundig so herumstottern würde wie ich in diesem Moment. Es gehört leider wenig Fantasie dazu, sich auszumalen, was für eine Schimpfkanonade der Ärmste vermutlich über sich ergehen lassen müsste, bevor man ihn zum Teufel jagen würde. Voller Dankbarkeit für meinen Retter kaufe ich sicherheitshalber noch einen weiteren Schlauch und tonnenweise Flickzeug. Und dann kann´s tatsächlich weitergehen, weg von Fluch-und-Segen-Acri.Letztendlich, das ist mir durchaus klar, bin ich noch mit einem blauen Auge davongekommen, verglichen mit dem, was auch hätte passieren können, 40 Kilometer weiter nämlich, jenseits jeder Zivilisation. Und ich staune über mich. Geduldig habe ich mein Schicksal angenommen, statt zu hadern, habe auf die innere Stimme und die äußeren Zeichen geachtet. Und habe mich nicht eine Minute lang hilflos oder panisch gefühlt, nein, eigentlich habe ich die ganze Zeit darauf vertraut, dass alles so ist, wie es sein soll. Nur auf die Sicht kommt es an, an diese grundlegende Lebensweisheit bin ich mal wieder nachdrücklich erinnert worden. Letztendlich, ja letztendlich habe ich sogar noch Glück gehabt, bin um wichtige Erfahrungen reicher. Oder ist, so frage ich mich, die Amplitude meiner Leidenschaft nur kleiner geworden, ist der Preis für das stoische Ertragen von Unglück die Unfähigkeit Euphorie zu empfinden? So ruhig und gelassen wie ich auf Rückschläge reagiere, so still und zufrieden genieße ich mein Glück. Ganz anders als in früheren Jahren, wenn auf tiefstes Elend zur Belohnung tränentreibende Begeisterung folgte. Ein bisschen sticht mich die wehmütige, sicherlich verklärte Erinnerung an frühere Fahrten, doch zurück in Körper und Geist des ach so jungen Menschen, der ich einmal gewesen sein muss - nein, bei Gott, das will ich nicht! Am Brunnen, beim Nachfüllen der Wasservorräte, fällt mir ein Auto mit Gelsenkirchener Kennzeichen auf und ich spreche den Fahrer an. Nein, kein Deutscher, ein italienischer Rentner, der 28 Jahre lang in Deutschland gearbeitet hat und den es dann doch wieder hierher zurück gezogen hat. Hier hat er ein kleines Stückchen Land, viel Sonne und seinen Frieden. Doch eines ist auch hier nicht anders als bei uns in Deutschland: Der "kleine Mann" schimpft auf "die da oben", fühlt sich verschaukelt und nicht ernst genommen. Das muss man sich doch mal vorstellen, die wollen, dass wir für dieses Wasser hier bezahlen, für das Wasser, das hier ununterbrochen fließt, als Geschenk des Himmels und der Berge! Als Tip gibt er mir "Camigliatello" mit auf den Weg. Wunderbar sei es dort, es sähe genau so aus wie in Bayern! Na denn!
Und tatsächlich: Nadelwälder, Almen, Kühe. Ein blauer Bergsee, gepflegte Holzhäuser, Idylle pur. Schön ist es ja, aber dafür bin ich doch nicht nach Süditalien gefahren! Es ist mal wieder Zeit zu essen, heute ist allerdings Sonntag, da ist nix mit Pizza, die Restaurants servieren Menüs. Egal, warum nicht, nach all dem Stress! Ich plaudere mit einem Amerikaner kalabresischen Ursprungs. Wieder einer, den es wie mit magnetischen Kräften zurückgezogen hat, wenn auch nur für einen Urlaub. Auf der Karte ist am Seeufer ein Campingplatz eingezeichnet, doch es gefällt mir nicht besonders in dieser Gegend, alles wirkt so bieder und unitalienisch. Camigliatello selbst ist ein typischer Touristenort, vollgepfropft mit Souvenirläden, Restaurants, Cafés und all dem Kram. Ich will höher hinaus, die Karte verspricht 2000 Höhenmeter. Auf dem Gratweg, der mich von Gipfel zu Gipfel trägt, wimmelt es vor Sonntagsausflüglern. Picknickende Familien, wohin das Auge auch schaut. Schließlich komme ich am höchsten Punkt meiner Reise an, dem Monte Botte Donato.
Ganz einfache Lektionen sind es im Grunde gewesen, die ich zu lernen hatte, um diese Momente erleben und auskosten zu können. Die schlimmen Kopfschmerzen, der Durchfall und das Erbrechen vor einigen Wochen im Hunsrück haben mich gelehrt, die nur scheinbare Selbstverständlichkeit meines gesundheitlichen Wohlbefindens wieder mit einer gewissen Demut und Dankbarkeit genießen zu lassen. Nichts zwickt mich, die Verdauung funktioniert, ich strotze vor Kraft und Zuversicht. Wie selten im wirklichen Leben wird einem bewusst, was für ein Geschenk es ist, einfach nur gesund zu sein! Jetzt, wo ich darauf angewiesen bin, lerne ich meinen hervorragenden körperlichen Allgemeinzustand zu schätzen. Und wie herrlich und ebenfalls absolut nicht selbstverständlich ist es, wenn das Rad einfach nur rollt und schnurrt wie eine Katze, sich ergänzt mit meinem dynamischen Tritt, mit meinem Körper in eine Art freundliche Konkurrenz tritt, was Leistungsfähigkeit und Funktionstüchtigkeit angeht. Auch das habe ich durch meine Pannenerfahrungen erst wieder neu lernen müssen und es fühlt sich GUT an.
Die Strecke ist himmlisch. Sanfte Anstiege und Abfahrten, keine Quälerei, viel Schatten, keine Autos. Sonnenlicht das in flirrendem Muster durch die Baumkronen dringt. Einmal mehr staune ich über das System der Markierung landschaftlich reizvoller Straßen auf der Karte. Gekennzeichnete, also empfohlene Abschnitte führen oft einfach nur durch Wald. Links Bäume, rechts Bäume. Ist ja nicht schlecht und besser als links Häuser, rechts Häuser. Aber warum fehlt die grüne Markierung, wenn es dem Blick erlaubt wird, frei über sanfte Hügel und malerische Dörfer zu schweifen und in der Ferne majestätische Gipfel im Dunst verschwinden zu sehen? Auf keinen Fall sollte man sich jedenfalls bei der Routengestaltung durch solche vermutlich von Autofahrern verfassten Vorgaben irritieren lassen! Nach etwa 30 Kilometern treffe ich einen einsamen Wanderer aus Turin. Er will dorthin, von wo ich gerade komme, ein Musikfestival wird dort stattfinden, auch ich habe die Plakate gelesen. Ein bisschen schade finde ich schon, dass ich es versäumen werde, aber mir ist auch klar, dass der Zweck meiner Übung eben nicht Geselligkeit, sondern das Zurückgewinnen meines inneren Friedens ist.
Am nächsten See zögere ich, weiterzufahren, obwohl es noch sehr früh ist. Zu einladend wirkt das Campingplatzgelände, das sich in einigen Kilometern Entfernung am Ufer ausbreitet. Ich will mir die Sache aus der Nähe ansehen und staune nicht schlecht, zufällig den Haupttreffpunkt für gestrandete Existenzen ausfindig gemacht zu haben. Mein Gott, überall blasse, grundsätzlich schwarz gekleidete Punks, Freaks, wohl auch Junkies. Der Zeltplatz ist gnadenlos überfüllt, aber nie im Leben bezahlen diese Gestalten alle brav ihre Gebühren! Bloß nicht hier bleiben! Schon auf dem Weg zum Klo werde ich angeschnorrt. "Ey, hasse mal ´ne Zigarette?" Natürlich auf Englisch, klingt aber genau so. Mich fröstelt. Kultivierte Hässlichkeit, zur Tugend erhobene Lebensuntüchtigkeit. Ich für meinen Teil bin froh, nicht dazuzugehören, unabhängig zu sein vom Gesehenwerdenmüssen, vom Provozierenmüssen! Ich bin frei und mit jedem Kilometer froher gelaunt, den ich zwischen mich und dieses Elend bringe. Und wieder macht es mir die Landschaft und das warme, aber milde Klima leicht. Lucky Day! Fahren wie Schweben. Und dann finde ich auch noch eine Panificio und erstehe die allerleckersten Brot- und Gebäckwaren, die man sich vorstellen kann. In Teig eingebackenes Gemüse, eine hiesige Spezialität, und zum Nachtisch Mandelplätzchen. Das alles eingenommen an einem geradezu idyllischen Rastplätzchen mit, wie könnte es anders sein, eiskaltem frischem Quellwasser. Ein Stückchen fahre ich dann noch, hinein in die Einsamkeit der "Sila" genannten Bergwelt. Im Halbschatten einer Lichtung gönne ich mir ein Nickerchen, meine Gedanken segeln davon wie bunte Luftballons, verschwinden irgendwo über den Wolken. Abschluss der Tagesetappe ist die Genussabfahrt nach Sarsale auf 700 Meter Höhe. Etwas außerhalb des Ortes wird mir der ideale Übernachtungsplatz geschenkt - lucky day! Es handelt sich um eine Art öffentlichen Park, mit hölzernen Picknicktischchen und der obligaten Quelle. Der Blick hinunter zur Ebene bis hin zum Meer lässt das Herz sich ganz weit öffnen. Abseits der Straße eine Scheune, hier ist ein "heiliger" Ort.

Zurück zu Handfesterem: Den Alten auf der Bank, die mich so an "Asterix auf Korsika" erinnern. Ich suche das Gespräch mit ihnen, frage, ob und wo ich hier übernachten kann. Klar, am besten hier. Der Allerälteste spricht mit eindringlicher Stimme von "paura", was immer das heißen mag. Meint er vielleicht, ob ich zu Hause eine Ehefrau habe? Eine paura? Nein, das ist es offenbar nicht. Ich krame so lange in meiner Tasche, bis ich das Wörterbuch finde. Da ist es: Paura = Furcht. Ich lache. Furcht? Nein! Mit mir reist doch eine ganze Engel-Eskorte! Die alte Geschichte von den Räubern, die überall lauern, die nur darauf warten mich totzuschießen, peng peng, er zeigt es pantomimisch mit seiner Fingerpistole. Aber ich weiß es ja: Hier gibt´s keine Bösen, hier tut mir keiner was.
Das Zelt aufzubauen habe ich keine Lust. Mich in den Dreck zu legen, zu den Schnecken und Käfern und Schlangen auch nicht. Da kommt mir die Idee: Aus dem Tisch, an dem ich gerade gekocht und gespeist habe, wird mein Himmelbett, mit einem Baldachin aus Pinienzweigen, zwischen denen vereinzelt Sterne hindurchlugen.

Von Decollatura aus gilt es die letzte Passhöhe dieser Reise in Angriff zu nehmen. An der Wasserstelle wieder ein herzlicher Kontakt. Eine ganze Familie kommt nach und nach aus dem Fahrzeug gekrochen, alle reden laut und durcheinander auf mich ein, was für ein Hallo, was für ein Gebrüll und an die Schulter fassen und auf den Rücken klopfen, um wahrgenommen zu werden, eine Geste, wie ich sie sonst nur von Taubstummen kenne. Sie alle freuen sich mit mir über die zu Hause wartende Frau, die mir das Reisen erlaubt, aber auf mein Zurückkommen besteht, meine vielen, vielen Kinder, hohoho. Wieder handelt es sich um heimatverbundene Kalabresen, die im Ausland leben (müssen), diesmal in Frankreich. Natürlich verbringen sie ihren Urlaub hier, natürlich wollen sie von mir hören, wie schön es hier ist, wie gut das Essen, wie hübsch die Frauen. Ich sag es ihnen gern, sie haben ja Recht.
Platania ist eine kleine, an den Hang geklebte Stadt. Aus einer Bar kommt Sting-Musik. Mit Kaffee und Cognac setze ich mich nach draußen, speichere noch einmal Sonnenwärme auf der Haut. Der Barbesitzer ist Ägypter. Es gibt also auch Zuwanderer nach Kalabrien, die aus noch ärmeren Ländern kommen. Er wirkt jedoch krank vor Heimweh, will zurück, trotz seiner italienischen Frau. Unterhalb von Platania liegt Lamezia mit seinen drei Stadtteilen Nicastro, Sambiase und Santa Eufemia ausgebreitet. Je weiter ich den Berg hinabrolle, desto drückender wird die Schwüle, die sich auch vom kräftigen Wind nicht vertreiben lässt. Die Hektik der Großstadt ist nur mit Hilfe der Gelassenheit zu ertragen, die sich beim Durchfahren des ruhigen Hinterlandes eingestellt hat. So schnell wie möglich rase ich, den Wind im Rücken, zur Küste. Hier schließt sich der Kreis, ich bin wieder auf der Straße meiner Ankunft. Auf dem "Camping Ulisses" endet die Odyssee. Der Platz ist traumhaft: Billig, schangelig, schlicht und gemütlich. Und vor allem: Von allen schönen Rezeptionssignoritas finde ich hier die schönste. Ich stehe augenblicklich unter Lächelzwang. Diese Grübchen, dieses unschuldige Strahlen. Meine Fantasien sind dagegen alles andere als unschuldig. Doch ich reiße mich zusammen. Nach 120 Kilometern muss geduscht werden und auch das Zelt baut sich nicht von allein auf.
Mein Restgeld reicht sogar noch für das eine oder andere Bier. Ich trinke es im Stehen, vor der Verkaufsbude vorne, in Gesellschaft von Antonella. Ja, genau der. Sie ist Grundschullehrerin, wie ich. Na, wenn das nicht verbindet! Wir plaudern, hauptsächlich Englisch, und schauen uns tief in die Augen. Die Versuchung ist groß, der Mond scheint heute nacht nur für Verliebte. Doch wir gehen nicht spazieren, halten uns nicht zärtlich bei der Hand, sinken nicht in den noch immer warmen Sand, erforschen nicht unsere Körper mit Händen und Zungen, erschauern nicht vor Wonne und durchleben keine Momente der Glückseligkeit. Ich gehe ins Bett und fliege morgen heim. Ohne Antonella und ohne allzu romantische Erinnerungen an Antonella. Schade? Na klar, ich würde auch lieber eine rauschende Liebesnacht beschreiben, aber, liebe Leser, das wär sowieso nicht gegangen, weil, meine Frau liest meine Geschichten schließlich auch...
Das Geräusch des Jets, der am nächsten Morgen mitten durch mein Zelt fliegt, ist schlimmer als jeder Elektroweckeralarm. Gott sei Dank starten und landen hier aber nur wenige Maschinen. Auf dem Platz sind außer mir nur Italiener. Welcher Deutsche reist auch schon in den Süden, um dort in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes zu campen? Nein, auf meine Landsleute habe ich gut verzichten können. Wo gibt es das schon, eine Gegend im Süden ohne ein einziges Exemplar dieser Spezies, zu der zu gehören mir manchmal so unendlich peinlich ist. Tja, und schließlich: Wer war der einzige, der mich belogen, betrogen und beraubt hat? Der einzige Deutsche, dem ich in sieben Tagen hier begegnet bin! Also mein lieber Engelfreund, du hattest Recht: Hier, an der Küste sind die Bösen. Die bösen Deutschen.