Jens befand sich in einem nirgendwo anhaltenden Zug, der auf eine Stadt zusteuerte, von der er nie zuvor auch nur gehört hatte, geschweige denn, dass er auch nur vage geahnt hätte, wo diese auf der Karte zu finden sein könnte, in Gesellschaft einer skurrilen Schar Mitreisender, die ihm alle gänzlich fremd waren und doch auf unerklärliche Weise bekannt, wenn nicht vertraut vorkamen - und das alles nur, weil er in einer Kneipe zufällig eine Fahrkarte gefunden hatte. Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Warum unternahm er nichts, um diesen Zug zu stoppen und zum Teufel nochmal so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen?
...
Plötzlich öffnete sich unvermittelt die Schiebetür. Herein kam eine lederbehandschuhte Hand, gefolgt von einem Arm und dann dem Rest des dazugehörigen Mannes. Kein Gruß. Der Fremde setzte sich, ohne zu fragen, ohne Zustimmung zu erwarten.
"Und?", fragte er nach einigen Sekunden unangenehmen Schweigens.
"Was und?"
"Du weißt, was ich meine."
"Die Fotos."
"Richtig."
"Was ist damit? Was haben Sie damit zu tun?"
"Sagen wir es mal so: Ich bin jemand, der es gut mit Ihnen meint."
"Ach ja?" Jens kam sich vor wie in einem billigen Gangsterfilm.
"Die fehlenden Fotos..." - er dehnte genüsslich die Pause - "ich möchte verhindern, dass sie in falsche Hände geraten."
"Sie haben sie?"
Statt einer Antwort zog der Fremde einen Umschlag aus der Innentasche seines - ja, er trug tatsächlich einen! - Trenchcoats. Provokant wedelte er mit dem Umschlag: "Hier drin."
"Geben Sie sie her!"
"Bei mir sind sie gut aufgehoben. Ich werde sie niemandem zeigen."
"Zeigen Sie sie mir!"
"Aber warum, Sie wissen doch genau, was darauf zu sehen ist."
"Nein, das weiß ich nicht."
Der Fremde lachte laut auf. Kein sehr wohlwollendes Lachen war das.
"Was wollen Sie von mir?"
"Was können Sie mir geben?"
"Wollen Sie Geld?"
Diesmal schüttelte der Mann sich vor Lachen, er polterte, und warf seinen Körper in theatralischer Gebärde nach vorn und mit Schwung wieder zurück, dass sie dünnen Wände vibrierten.
"Was dann?"
"Sie kennen doch diese Art von Geschäften, oder etwa nicht?"
Jens bekam schreckliche Angst. "Gehen Sie!"
"Bin schon weg." Er stand auf. "Aber ich komme wieder. Denken Sie über alles in Ruhe nach. Es gibt für jedes Problem eine Lösung."
"Gehen Sie! Sie brauchen nicht wiederzukommen. Machen Sie mit den Fotos, was Sie wollen, ich habe ein reines Gewissen."
Der Fremde beugte sich vertraulich vor, sein Gesicht näherte sich dem von Jens bis auf wenige Zentimeter. Dann legte er den Zeigefinger der immer noch im Handschuh steckenden Rechten an seine schmalen Lippen. "Psst!", machte er nur und verschwand dann endlich, einen erneuten Lachanfall nur mühsam unterdrückend. "Er hat ein reines Gewissen", murmelte er noch kopfschüttelnd vor sich hin.
...
Schweigen hinter den Worten. Unzählige nichtgemalte Bilder stürzen auf Cora ein, unzählige nicht ausgedrückte Gefühle werden zusammengeknäuelt und nach ganz unten gestopft, tief in die Truhe und Deckel drauf. Cora spürt wie sie davongleitet, glitschig wie Fingerfarbe.
In Rebeccas Zimmer liegt der neue BH auf dem Boden. Warum nur kommt Cora es so vor, als hätte ihre Tochter ihn für sie liegen lassen, wie eine verschlüsselte Nachricht? Sie hebt das Wäschestück auf wie eine an den Strand geschwemmte Flaschenpost.
...
Wie betäubt saß Cora im Taxi, hatte kein Ohr für die nett gemeinten Fragen - "Sind Sie Malerin oder sowas, ich meine wegen der Farbe?" - und tröstenden Kommentare des Fahrers - "Sie sehen aber nicht besonders fröhlich aus, ist was passiert?" - keinen Sinn für dessen Mitgefühl - "Ein Notfall?" - oder Neugier - "Oh! Mein Gott! War er allein im Wagen?" oder Sehnsucht nach Abwechslung durch das Schicksal eines Fahrgastes, von dem er im Grunde nicht im geringsten betroffen war. Sie antwortete einsilbig, gedankenlos, ihr Verstand arbeitete ganz woanders, rang in einem völlig leeren, dunklen Raum außerhalb ihrer selbst mit ihren Gefühlen um die Vorherrschaft über sie. Die Nachricht hatte sie wie ein Schlag mit einem kalten, nassen Waschlappen getroffen, hatte alles über den Haufen geworfen, ihren so mühsam aufgebauten Turm in sich zusammenfallen lassen. Alles war so neu wie die Welt nach Galileo Galilei, nichts war mehr gültig, die Erde war plötzlich wieder eine Scheibe und drehte sich um gar nichts mehr und nichts mehr um sie, Sonne und Mond glitten in einer dunkelroten Schleimspur die Windschutzscheibe hinunter.