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- 2011 -

Kurz vor ihrem einundzwanzigsten Geburtstag gewinnt Jenny Lurse als erste Deutsche die Tour de France der Frauen. Der Frauenradsport, bisher von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, wird plötzlich ungeheuer populär in Deutschland. Hauptsächlich auch ein Verdienst der jungen Jenny: Ihr Augenzwinkern, mit dem sie bei der Siegerehrung ihr strahlendes Lächeln garniert, schmückt tagelang zahlreiche Titelseiten - nicht nur von Sportzeitungen. Mit ihrer unbeschwerten sympathischen Ausstrahlung ist sie im Nu zur Idolfigur geworden. Die jungen Frauen wollen sein wie sie: Zielstrebig und erfolgreich, aber trotzdem hübsch, locker und natürlich. Und die jungen Männer wollen solche jungen Frauen.

Jenny ist müde, einfach nur müde. Sie sehnt sich nach einem heißen Bad und der Stille unter Wasser. Nein, das ist nicht die Erschöpfung einer besonders anstrengenden Bergetappe, kein Wettkampfstress, kein Trainingsschlauch. Mit Massagen und Vitaminpräparaten ist es jetzt nicht getan, sie braucht endlich Ruhe. Die letzten Tage und Wochen stecken ihr in den Knochen, schon die Tour hat ihre Kräfte aufgebraucht, doch nach der letzten Etappe ist alles noch lange nicht vorbei gewesen. Pressekonferenzen, Fernsehtermine, Glückwunschpost, Empfänge, alte "gute" Freunde, an die sie sich nur mit Mühe erinnern kann, Vertragsangebote, Fotografen, das Mündungsfeuer aus ihren Objektiven - sie ist angeschossen und ihre Energien sind unsichtbar ausgeblutet. Es sind vor allem die Interviews, die immer gleichen Antworten auf die immer gleichen Fragen. Sie will ehrlich zu den Reportern sein, aber wer möchte schon hören, dass sie sich einfach nur ausgebrannt und leer fühlt? Dass sie manchmal das Gefühl hat, mit all der Aufregung um sie herum gar nichts zu tun zu haben. Dass sie endlich nach Hause will und ihre Ruhe haben und Zeit zu begreifen, was überhaupt passiert ist.

...

"Mensch, seid ihr alle groß geworden!" Den Standardbegrüßungssatz von Tante Resi konnten alle Kinder bereits im Geiste mitsprechen. Petra lag es auf der Zunge zu antworten: "Du wirst aber auch nicht gerade jünger", aber sie verkniff es sich. Alle Töchter gaben sich Mühe verträglich zu sein und einen guten Eindruck bei den Gästen zu hinterlassen. "Möchten Sie vielleicht noch etwas trinken?", fragte zum Beispiel Betty jeden, der sein Glas leer hatte. "Ja, gerne, mein Kind", antworteten jovial die Angesprochenen, wenn es sich um Herren handelte und sie sahen der hübschesten, schon mindestens wie sechzehn aussehenden Lursetochter mit begehrlichen Blicken hinterher, wenn sie in die Küche ging, um Wein oder Bier zu holen. Die Damen sagten meistens "nein danke, jetzt nicht" und scheuchten dann wenige Augenblicke später ihre Männer, ihnen noch etwas Sprudelwasser, ein Glas süßen Schaumwein, oder ein Likörchen zu bringen, "aber nur einen ganz kleinen!" Trotz des steigenden Alkoholkonsums plätscherte die Veranstaltung nur so vor sich hin. Gegen zehn Uhr am Abend verabschiedeten sich die Verwandten bereits, die verbliebenen Gäste teilten sich in Gruppen. Die Eierlikörfraktion versammelte sich um den Esstisch und zog gnadenlos über alle her, die nicht anwesend waren. Die drei Lursetöchter stiebitzten sich heimlich ein Fläschchen und feierten ihre eigene Party im Kinderzimmer. Und die Männer nahmen die Sitzgruppe und gingen zum Schnaps über. Müde und ein bisschen beschwipst, verkroch sich Klein-Thomas von den anderen unbemerkt unter den Wohnzimmertisch, lümmelte sich dort herum und lauschte den Erwachsenengesprächen. Um die Chancen für die deutschen Fahrer, auch einmal die Tour zu gewinnen ging es. Wolfshohl? "Der kann doch nur über´n Acker fahren, und durch´n Schlamm" - er war gerade mal wieder Querfeldeinweltmeister geworden - "für den müssten schon ein paar Etappen durch die Wallachei gehen, wo ´sse auch mal das Rad aufs Kreuz nehmen muss." Altig? "Der schafft´s irgendwann, glaubt es mir, wenn einer, dann der!" Junkermann? "Hör doch auf mit dem, dem seine Zeit ist doch vorbei!" Mit der nächsten Runde ging die Versammlung, wie stets bei solchen Anlässen, zu den üblichen Geschichtchen und Anekdoten über. "Wißt ihr noch, wie der Bahamontes ganz locker als erster diesen Pyrenäenpass hochgeklettert ist als ob das gar nichts wäre?" "Jau, und oben hat er sich erstmal ein Eis gekauft, in aller Seelenruhe, und dann ist er mit dem Hauptfeld abgefahren, als ob das das Normalste überhaupt wär´." "Wann war das noch, ´59?" "Nee, da hat er die Tour doch gewonnen, das muss früher gewesen sein." Immer weiter zurück in die Vergangenheit wanderten die Erinnerungen, hinein in die "guten, alten Zeiten" nach dem Krieg, als die meisten der Anwesenden noch selbst aktive Rennfahrer gewesen waren und froh, Ablenkung von den Trümmern und dem Elend ringsum zu haben. "Wie hieß denn noch mal dieser eine besoffene Neger, wann war das, ich glaub 1950?" "Ach der! Der bei der einen Etappe ausgerissen ist und schon zehn Minuten Vorsprung hatte? Und dann haut er sich zwei Flaschen Wein rein, bei 45 Grad!" "Schläft am Straßenrand unterm Baum ein, wird irgendwann wach und fährt in die verkehrte Richtung bis er wieder am Startort ist! Mann, muss der einen im Schlappen gehabt haben!"
"Abdelkader ßaaf!"
´ Nanu, kam das nicht unter dem Tisch her? Waren sie jetzt etwa selbst schon so blau wie der Algerier damals? Darauf mussten sie erstmal noch einen nehmen. "Auf Abdelkader Zaaf, unser aller großes Vorbild!" Brüllendes Gelächter, Herbert wollte Betty noch eine neue Flasche aus der Küche holen schicken, ging dann aber doch selber, als sich auf sein Rufen hin nichts rührte. Nebenan fingen die taktisch etwas defensiver trinkenden Damen an, sich Sorgen zu machen, wie sie ihre Männer nach Hause kriegen sollten. Die waren ja kaum noch zu bremsen und gerieten immer mehr ins Schwärmen beim Aufzählen der großen Namen und Ereignisse von damals, gedachten wehmütig ihrer Idole, denen sie nachgeeifert hatten, ohne je an sie heranzukommen. Stan Ockers, Briek Schotte, Kübler und Koblet, Kilian und Vopel. Alte Legenden lebten wieder auf, der Streit darum, wer denn nun damals wirklich der bessere war, Bartali oder Coppi, entbrannte aufs Neue, angefacht durch den feurigen Wind der Promille. "Gino war der Größte! Wenn der verdammte Krieg nicht gewesen wäre..." "Fünfmal hätte er die Tour bestimmt gewonnen, vielleicht sogar sechsmal!" "Wenn man sich das mal überlegt, ´38 und ´48 ganz vorne, zwei Siege im Abstand von zehn Jahren." "Scheiß Krieg!" Das klang, als wäre derselbe von einem Fahrradmuffel vom Zaun gebrochen worden, einzig und allein zu dem Zweck, hoffnungsvollen Sportlern die Karriere zu versauen. "Aber im direkten Vergleich mit Coppi hatte er keine Chance." "Ja, der Fausto, das war auch einer! Ein echter Teufelskerl. Wie der in den Alpen losgelegt hat, ´49, meine Fresse!"
So redeten sie, als wären die Männer über die sie sprachen ihre besten Freunde gewesen. Thomas unter dem Tisch glühten die Wangen und die Ohren vor Aufregung. "Erinnert ihr euch noch an das erste Sechstagerennen nach dem Krieg in Dortmund? Hat da nicht dieser Schweizer Käsekasper gewonnen? Der immer seinen Kamm in der Trikottasche hatte, damit er beim Zieleinlauf auch hübsch aussah? Wie hieß der doch gleich?" "Du meinst den schönen Hugo, der hat doch im gleichen Jahr auch die Tour gewonnen!" "Genau, Hugo Koblet. Das war vielleicht ein eitler Fatzke." "Kotelett haben wir den doch genannt. Kotelett und Püree." "Jau, Koblet und Armin von Büren! Mensch, wer so heißt, der soll doch Dressurreiter werden und kein Radfahrer!" Donnerndes Gelächter. "Gegönnt habe ich´s denen bestimmt nicht, ausgerechnet die ersten Sixdays in Dortmund und dann landen die Preisgelder auf ´m Schweizer Konto. Sauerei."
Von irgendwoher mischte sich jetzt wieder eine Fistelstimme ins Gespräch ein, aber diesmal so deutlich, dass es keine akustische Fata Morgana sein konnte: "War niß erßteß Rennen. Erßt noch Carrara und Lapébie, ßwei Rennen ßweiunfünfßich!"
Es wurde augenblicklich mäuschenstill. Wer hatte das gesagt? Herbert Lurse hob die Tischdecke an und traute seinen Augen nicht. War das möglich? Da saß ja noch Tommi! Mein Gott hatte der glasige Augen. Und wieso kannte der Emile Carrara und Guy Lapébie?

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