"Das ist der Traum von Mykonos..."
War´s Katja Ebstein und ihr Christian Bruhn? Oder wer hat dieses Lied in den 70ern nochmal verbrochen? Jedenfalls ging es mir nicht mehr aus dem Ohr, nachdem ich mal wieder, der inneren Stimme folgend, ganz kurzfristig einen Flug gebucht hatte. Eben dorthin. Eigentlich habe ich es immer noch im Ohr. Nix zu machen.
Jedenfalls: Mykonos also. Der umgehend ausgeliehene Reiseführer hebt a) hervor, dass Mykonos ungefähr der teuerste Ort südlich der Alpen ist und b) ein internationaler Homosexuellentreffpunkt. Na prima. Und wie komme ich da weg? Richtig, mit der Fähre! Und zwar nach Naxos. Weil, ich will ja schließlich wieder mein Fahrrad mitnehmen und Mykonos verfügt nur über insgesamt 25 Straßenkilometer (meist steil bergauf). Und so geht das nicht.
Aber erst mal ankommen da. Ist schon nicht so einfach, Abflug 6.25 Uhr, also Wecker auf 3 Uhr. Die Stunden bis dahin verbringe ich mit Wachträumen, in denen alles schief läuft. Dann durch nächtlichen Nieselregen zum S-Bahnhof. Es geht mir nicht so richtig gut. Als alter Reiseprofi zwinge ich mich natürlich zur Ruhe. Gar nicht so einfach diesmal. Werde ich langsam alt?
Auf Mykonos steuere ich erst mal das so genannte "Superparadies" (neugriechisch: "Super Paradise") an. Super Name für einen Strand. Ein Mensch und ein Hund. Der Mensch ist so nackt wie der Hund und hat einen Metallring um den Hodensack. Hat was. Einen Campingplatz gibt es hier nicht, und wenn, dann wäre er schon zu, es ist Ende Oktober und der Fisch ist gegessen. Ich fühle mich ein ganz klein wenig verlassen. Vom Strand weg führt eine Straße mit circa 90 Prozent Steigung weiter ins nur noch "Paradies", wo es vermutlich nicht ganz so super sein wird. Obwohl das sonst nicht meine Art ist, schiebe ich einfach mal ein Stück. Werde ich langsam alt?
Im "Paradise" trifft zeitgleich mit mir der Nieselregen aus Deutschland ein. An einer Wegscheide habe ich die Wahl zwischen zwei Campingplätzen. Links oder rechts? Instinktiv entscheide mich für den rechten Weg, der aber nicht der rechte Weg ist, sondern nur zu einem längst geschlossenen Campingplatz führt. Also wieder rauf und diesmal links runter, ohne wirkliche Hoffnung, dass Campingplatz 2 noch geöffnet hat. Hier nun geschieht das erste Wunder, die Wende zum Guten, ich darf mein Zelt aufschlagen. Ich wähle einen Platz, weit genug, aber nicht zu weit vom einzigen anderen Zelt entfernt. Dann ohne Gepäck in die Chora, also die Stadt Mykonos. Hier gefällt es mir gut, vor allem in meinem übermüdetem, willenlosen Zustand. Im Labyrinth der weiß-bunten Gässchen lasse ich mich treiben und gehe an jeder Kreuzung in eine neue Richtung. Stundenlang kann das so gehen, Tagtraum, und dann ist der erste Tag auch schon um. Ich muss heute früh ins Bett. Werde ich langsam alt?
Frühmorgens soll es weiter nach Naxos gehen. Aber es ist so windig, dass die Fähre ausfällt. Stattdessen schaukel ich schnell rüber nach Delos, einer unbewohnten Insel voller alter Steine, die früher mal eine ganz große Nummer gewesen sein muss. Auch hier gefällt es mir. Ohne Führung und lästige Erklärungen lasse ich das Altertum auf mich wirken. Zurück auf Mykonos, lande ich in einem wundervollen Café direkt am Wasser. Die Brandung kocht, ansonsten ist es ruhig, ich darf lesen und langsam verziehen sich die Wolken. Das erste richtige Sonnengescheine versöhnt mich mit meinem Hiersein.

In meinem Entschluss weiterzureisen, werde ich allerdings durch reiseführerwarnungsgemäße Kaffee- und Bierpreise bestärkt.
Am Fährhafen habe ich meine helle Freude an der wilden Mischung von Menschen aller möglichen Altersklassen und Nationalitäten. Besonders putzig sind wie immer die Japanesen, die für ihre Selbstauslöserfotos sogar zusammenklappbare Stative dabeihaben. Zuerst muss die Dame posieren, der Herr richtet´s, dann eilt er flugs dazu, legt seinen Arm um die Schultern der Schönen, es wird gekonnt gelächelt und klick. Als leidenschaftlicher Selbstauslöser habe ich soeben neue Vorbilder gefunden.
Auf der Fähre ergreife ich die Gelegenheit, mein Englisch zu üben und unterhalte mich mit einem nicht mehr wirklich jungen englischen Pärchen, das mit dem Rad auf Weltreise ist. Spannend, zeigt es mir doch, dass ich nicht der einzige bin, der so seltsame Sehnsüchte hat und dass diese durchaus eine reelle Chance haben, wahr zu werden.
Naxos! Kaum angekommen, weiß ich, dass ich hier richtig bin. Schon der erste Blick auf Naxos-Stadt und die dahinterliegenden Berge vermittelt unmittelbar das Gefühl bedingungsloser Richtigkeit.
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"Ja", sagt es in mir, und selbst die aufdringlichen Werber, die auf dem Motorroller neben mir her fahren und mir unbedingt das billigste und trotzdem beste Hotelzimmer der Ägäis aufdrängen wollen, machen mir nichts aus. Ich düse stadtauswärts. Schon nach wenigen Kilometern die ersten Traumbuchten und -strände.
Und dann, an der zweifelsfrei schönsten Stelle, der einzig offene Campingplatz der Insel. Und ich bin das einzige Zelt, der letzte Camper, wow! Wie es hier im Sommer zugehen muss, ahnt man allerdings angesichts der unzähligen jetzt ausgestorbenen Lokalitäten und Appartements. Was ich nicht verstehe: Denn wenn es Ende Oktober schon so warm ist, muss es Juli/August hier so heiß und gemütlich sein wie in einer Friteuse.
Jedenfalls, weiterfahren muss ich heute nicht mehr, das Wetter ist herrlich und ich beache und genieße und lasse mich treiben, das klappt wirklich gut in diesem Urlaub. Reife ich langsam?
Der nächste Tag ist eine Offenbarung. Natürlich geht es in die Berge. Diese Insel ist einfach nur schön.
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Hinter dem Bergdorf "Filoti" ein Wegweiser zum "Zas", dem höchsten Berg der Insel. Leider endet die Straße bald an einem wenn auch sehr hübschen Platz mit Baum und Quelle und Blick auf Tal und Berg.
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Es ist früh am Tag und ich fühle mich prächtig. Also zu Fuß weiter hinauf, mit einer Flasche Wasser in der einen Hand und dem Fotoapparat in der anderen. Anstrengend ist das, aber ich werde durch einen Heiligen Moment beim Aufstieg reich belohnt. Just in diesem Augenblick erhebt sich nämlich die Sonne über den Gipfelgrat, umkränzt von schillernden Regenbogenfarben. Und nicht nur das: In diesem unwirklichen Gegenlicht leuchten plötzlich über der Schlucht Tausende von Altweibersommer-Spinnwebenfäden auf, die das Tal zu überspannen scheinen. Was für ein Geschenk, dies sehen und erleben zu dürfen! Ich habe schon eine Menge Schönes gesehen, Spektakuläreres, Sensationelleres. Das hier ist anders. Es ist herzergreifend schlicht und von unendlicher Zerbrechlichkeit und rührt mich deshalb an. Diese tanzenden, schwebenden Fäden! Ich fühle mich einfach nur leicht und glücklich und oben auf dem Berg geradezu euphorisch.
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Nach einigen weiteren Stunden in den Bergen meldet sich der schlimmste Feind des Radfahrers: Hunger. Wenn er kommt, ist es oft schon zu spät. Zum Glück geht es ins nächste Dorf nur bergab. Und dort ist tatsächlich eine herrlich schangelige Taverne mit alten Griechen drin, die irgendetwas komisches essen, was ich auch will, nämlich "goat in soup", Ziege in Suppe. Lecker, wenn man kein schnöseliger Michelin-Führer-Testesser ist.
Ganz schön kaputt bin ich an diesem Abend und habe mir mein Feierabendbier am heimischen Strand redlich verdient. Malerisch unter Bäumen sitzend beobachte ich, wie die Sonne hinter Paros verschwindet. Wie anders könnte der Platz hier heißen als natürlich "Paradise". Diesmal stimmt´s sogar.
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Der Versuch, am Strand unter freiem Himmel zu nächtigen misslingt leider. Immer wenn ich gerade einschlafe, kommt ein Mückenvieh angesummt. Als ich entnervt zusammenpacke, stelle ich außerdem fest, dass mein Schlafsack außen von der Luftfeuchtigkeit pitschnass ist. Na ja, im Zelt ist auch schön.
Am nächsten Tag geht es die Westküste entlang bis zur Nordspitze. Zwischendurch ein Bad an einem einsamen Strand. So gut es geht bereite ich mich in Apollonas mental (und natürlich verpflegungstechnisch) auf den Mörderanstieg ins Inselinnere vor. 900 Höhenmeter und zur Belohnung eine gigantische Abfahrt nach Naxos-City.

Sich hier durch die alten Gässchen treiben zu lassen ist mindestens so entzückend wie in Mykonos, vor allem rund um das alte Kastell. Im Licht des Fast-Vollmonds geht es die wenigen Kilometer "nach Hause".
Zum abschließenden Höhepunkt ergibt sich ein Beach-Hopping-Tag die Westküste entlang Richtung Süden. Ein Strand ist hier schöner als der andere und überall springe ich ins Wasser. Sogar einen "greek coffee" bekomme ich in Pyrgos, natürlich mit Blick aufs Meer. Viel weiter komme ich mit dem Rad nicht, hinter der Bucht von Agiossos geht die Straße in einen steilen, steinigen Wanderweg über. Unbesorgt parke ich mein Rad in der absoluten Einsamkeit und mache wieder eine kleine Wanderung, bis sich hinter dem Kap der Blick auf die kleinen Kykladen öffnet. Seligkeit ist hier ein Mosaik aus Meeresrauschen, Liebstöckelduft und dem vielstimmigen Glöckchengeklimper frei laufender Ziegen. Glück ist, unterwegs und in Bewegung zu sein. Doch auch Melancholie mischt sich ins Gefühlspotporri, ich vermisse Frau und Kinder, freue mich wieder auf zu Hause. So muss es sein, so ist es jedenfalls bei mir: Ich brauche meine Auszeiten, liebe das Alleinsein "fern von alles", vor allem in der herbstlichen Jahreszeit. Aber danach will ich wieder in meinen wunderbaren Alltag zurück. Bis zum nächsten Mal...

