Gartenpforte
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Olympische Gefühle

Wer kennt ihn nicht, den größten Berg Griechenlands, Wohnsitz der antiken Götter Zeus und Co.? Versucht man, sich ihm zu nähern, wird einem möglicherweise klar, dass dieser Berg ganz besonders ist und dass durchaus etwas dran sein könnte an der verklärenden Sichtweise der Griechen, die behaupten, dieser Berg habe seinen eigenen Willen und stelle den Menschen auf eine Probe. Mich und meine Geduld jedenfalls hat er geprüft, soviel steht fest.

1.Tag
Thessaloniki -jung, laut, lärmend, lebendig und trotzdem urgemütlich!

Die ersten schönen Griechinnen sind bereits die Stewardessen von Aegean Airlines. Nur schade, dass sie nicht flirten, ja nicht einmal lächeln, was in diesem Beruf doch zur Grundausbildung gehören müsste. Aber Griechinnen, das werde ich noch oft beobachten, scheuen den direkten Blickkontakt und tragen das Kinn hoch.

Die erste nette Griechin ist ungefähr 60 und sitzt im Flugzeug neben mir, aber ins Gespräch kommen wir erst, als ausgerechnet wir zwei als einzige an der Bushaltestelle stehen. Ihre Mutter wohnt in Thessaloniki, ihr Sohn macht gerade Urlaub in Chalkidiki. Früher konnte sie nicht einmal Fahrrad fahren und sie war immer nur am Meer. Sie erzählt und erzählt und es macht Spaß ihr zuzuhören. Im Bus braucht man 60 Cent (!) für die Fahrt in die Stadt, 10 Cent bekomme ich von jemandem geschenkt, damit ich es passend habe. Man ist um mich bemüht und sorgt dafür, dass ich an der richtigen Haltestelle aussteige. Verstanden habe ich irgendwas mit "Estate", aber es heißt "Aristotéles" und bezeichnet die Hauptstraße Thessalonikis.

Mein erster Eindruck von der Stadt lässt mich an mich die Frage richten, warum ich nicht gleich zum Bahnhof durch und dann weiter gefahren bin. Aber wie so oft täuscht dieser Eindruck. Thessaloniki ist zwar hässlich und laut, aber trotzdem gemütlich und vor allem quicklebendig. So viele Menschen überall! Um 10 Uhr abends (dienstags!) sind alle Cafés und Bars und Kneipen und Promenaden so rappelvoll wie bei uns nur IKEA am Samstagnachmittag. Schade, dass ich gut 25 Jahre zu alt bin, um mich hier so richtig wohl fühlen zu können, hier scheinen hauptsächlich Schüler und Studenten zu Hause zu sein. Und alle sehen gut aus, haben ständig ihr Handy am Ohr und gehen bei Rot über die Straße, obwohl man schon bei Grün aufpassen muss, nicht unter einem Autobus zu landen. Beim ziellosen Umherstreifen ohne Uhr und Stadtplan taucht dauernd ein winziges Kirchlein oder etwas Ausgegrabenes ganz altes auf. Diese Ruinen sind wie Inseln im hektischen Treiben, ebenso wie die ruhigen Cafés in den Nebenstraßen. Die Sprache ist allgegenwärtiger Sound, ergänzt, aber keineswegs gestört durch Verkehrslärm und die unvermeidlichen Mopeds der Halbstarken. Zwischendurch dann auch akustische Inseln: ein musizierender Zigeuner mit einer Art Schlagharfe (der natürlich zwischendurch unterbricht, um zu telefonieren), stille Katakomben mit streunenden Katzen, ein freakiger Gitarrenspieler, der schließlich seinen Balzgesang aufgibt, weil es zu laut ist "everywhere in Thessaloniki". Beim Anblick der Fressorgien veranstaltenden, zueinander gehörenden Horden von Freunden und Verwandten überkommt mich ein leiser Anflug von Einsamkeit. Zu diesen "parias" kann man sich so wenig hinzugesellen wie zu den hübschen jungen Mädchen, die auch hier jedem Blickkontakt ausweichen. Und so ist es irgendwann genug mit dem pittoresken Treiben, zu dem ich nur als Statist gehöre. Gute Nacht!

2.Tag
Am Strand ist der Sommer schon tot. Der kommende Bürgermeister von Litochoro gibt einen aus.

Zum Abschied von der Stadt bummle ich durch das Hafenviertel und über den Markt. Dem blutverschmierten Metzger, der gerade frisches Fleisch zerteilt, wird jeden Moment die Asche von seiner lässig im Mundwinkel wippenden Zigarette fallen. Fisch ohne Ende, Gewürze, Obst, Schuhe, Trikots. Geschrei und Gedränge. Und ich habe keine Kamera dabei, schade! Der Kontrast zu den selbstbewussten, hübschen jungen Mädels: müde und unfroh wirkende Frauen mittleren Alters, ausladende Becken, heruntergezogene Mundwinkel. Was passiert hier bloß mit den Frauen zwischen 25 und 35? Mit dem Zug geht es weiter nach Leptokaria. Wie eine schwere Winterdecke liegt Dunst über der ganzen Region. Unten am Meer ist es kaum auszuhalten und wenig einladend. Hier werden die Fensterläden schon verrammelt, die Saison ist jetzt im Oktober schon vorbei, die letzten drei russischen Urlauber versuchen noch unbegeistert Volleyball zu spielen. Was ist deprimierender als ein Touristenort ohne Touristen? Reklame, Ramschläden, Kneipen und alles gähnend leer. Hier verwest die Leiche des gestorbenen Sommers.

Bloß weg hier. Ich schlage mich durch nach Litochoro, wo es 350 Meter höher schon etwas kühler und angenehmer ist. Kurz kommt sogar die Sonne durch und alles wirkt gleich viel freundlicher. Und der Ort lebt Gott sei Dank, auch wenn er sich während der Siesta tot stellt.

Politik ist hier noch richtig volksnah. Zuerst zieht der Pfaffe eine Mördershow ab. Als alle 200 Leute sich gleichzeitig bekreuzigen erschrecke ich regelrecht und fühle mich als Outsider entlarvt. Der künftige Bürgermeister redet nur ein Viertelstündchen, dann gibt´s jede Menge Getränke und Spezereien für lau. Vor allem die alten Leute und ich hauen ordentlich rein. Ich fühle mich verpflichtet nachzufragen, worum es hier überhaupt geht und auf wessen Kosten ich zu Abend esse. Der Kandidat der "Nea Demokratia" bei der bevorstehenden Kommunalwahl spricht hervorragend Englisch und während wir über Griechenland und Europa diskutieren bin ich froh, vorbereitend etwas über das Thema gelesen zu haben.

Am Abend zeigt sich, warum meins das billigste Hotel am Ort ist. Unten sitzt der schwerhörige Patron vor der Glotze (dröhn) und von draußen klingt der Jugendtreff, der Technobass macht duff-duff-duff, die frisierten Mopeds brrm, brrm, brrm.

3.Tag
Über den Wolken… Da isser ja, der Olymp!

Nea Demokratia ist nicht wählbar, die Leckereien waren vergiftet. Oder warum muss ich nachts kotzen ohne einen Tropfen Alkohol getrunken zu haben?

Morgens geht es aber schon wieder besser. Zum "Aufwärmen" für den großen Bergbestieg mache ich heute eine kleine Wanderung auf den einsamen Golna mit fantastischem Blick auf Zeus. An den hatte ich nach stundenlangem Aufstieg durch den tief hängenden Dunst kaum noch geglaubt. Aber oberhalb 900 Meter ist das Wetter genial! Ich packe Saxofon und Kamera aus und lass mir ordentlich Sonne auf den Bauch scheinen.

Da ich nicht wieder runter in den Nebel will, wandere ich weiter nach Prionia, vorbei an Felswänden und Wasserfällen. Am Kloster scheint eine friedliche Nachmittagssonne, die mich zu noch einer Pause verleitet. Zwei (Ost)-Deutsche aus der Berliner Gegend, Vater und Sohn, beide tragischerweise etwas übergewichtig kämpfen sich mit letzter Kraft zu ihrem Auto zurück, das zum Glück auch noch Platz für mich hat. Im Ort gebe ich ihnen einen Kaffee aus, was sie sehr froh macht. Im Park spiele ich noch etwas Saxofon. Eine nette, ältere Frau bietet mir Unterkunft bei sich zu Hause an, ich schwanke, ob ich umziehen soll, bin aber zu träge. Vielleicht morgen.

4.Tag
Zum Kotzen…

Mit Macht kehrt der Brechdurchfall zurück, obwohl ich diesmal bei keiner politischen Partei geschnorrt habe, sondern im Gegenteil sehr gepflegt und darmfreundlich in einem anerkannt guten Lokal gespeist habe. Das Souzoukakia kommt mir von Geschmack und Konsistenz her durchaus bekannt vor, als es erneut den Speisekanal passiert, diesmal in umgekehrter Richtung. Der bekannte Lärmpegel macht die Sache auch nicht angenehmer. Am Morgen führt der erste Weg in die Apotheke, hej, aus der Ferne grüßt der Olymp. Der Patron lässt mich Wasser für Kamillentee in der Hotelküche kochen. Aus seiner Sicht ein Fehler, denn spätestens beim Anblick dieses Drecklochs, in dem es so sauber und ordentlich ist wie im Kinderzimmer eines schwer erziehbaren, drogenabhängigen Jugendlichen im sozialen Brennpunkt wird mir klar, dass ich hier vollkommen falsch bin und zum Gesundwerden ein komplett anderes Ambiente brauche. Mit letzter Kraft packe ich zusammen und schleppe mich und den Rucksack in die 500 Meter entfernte Innenstadt, was etwa eine Stunde dauert. Das versprochene Zimmer ist mittlerweile anderweitig vergeben, was aber ein Glücksfall ist, denn dadurch finde ich das Guesthouse Papanikolaou.

Hier ist alles voll mit positiver Energie, die hübsche Terrasse, die Bäume und Pflanzen, der skurrile ältere Herr, der für jeden noch so banalen Satz zunächst minutenlang in Denkerpose verfällt, bevor ihn endlich ausspricht. Seine Gesten sind so beeindruckend, dass es wie eine geniale Antwort auf die letzten offenen Menschheitsfragen klingt, wenn er den Zimmerpreis nennt. Natürlich verhandeln wir und natürlich einigen wir uns. Der Tag geht dahin mit Kamillentee, Zwieback, einer Tasse Brühe. Aus dem Nachmittagsschlaf komme ich kaum wieder hoch. Auch nachts träume ich bunt und fiebrig, aber am Morgen fühle ich mich ausgeruht und gesund genug für ein vorsichtiges Frühstück.

5.Tag
Meditatives Strandwandern, eine Frau, die in die Augen schaut und wahrscheinlich die Kommunisten. Das Wetter könnte noch schlechter sein.

In der frohen Erwartung, meinen Freund, den Berg wiederzusehen, schwinge ich mich früh aus den heilenden Laken. Doch es ist grau, grau, grau. Egal, für den Berg wäre ich eh noch zu schwach. Um mich langsam wieder in Form zu bringen, mache ich eine kleine Strandwanderung. Am Meer ist es total menschenleer. Dezent beginnt Nieselregen. Die Goretex-Jacke liegt schlauerweise im Zimmer, wo sie wenigstens geschont wird. Kalt ist es nicht und ich wage sogar, kurz ins Wasser zu gehen. Ist aber nicht sehr gemütlich. Zwischendurch wieder eine akustische Oase: An einem kleinen Hafen dudelt sehr schöne griechische Musik aus einem geparkten Auto. Immer wieder sind es Klänge, die mich verzaubern, wie auch gestern, als mittags kurz die Sonne schien: Am Ortsrand eine plätschernde Tränke, dazu Blockflötenmusik live aus dem Kinderzimmer. Da vergisst man sogar kurz, wie schlecht es einem körperlich geht.

Das Gehen am Wasser, das beständige Rauschen der Brandung, das diffuse Licht, der Sand unter den Füßen: Ich verfalle in eine nahezu meditative Stimmung. Als ich eine Pause brauche, taucht ein Campingplatz auf, leer, aber eindeutig einladend. Teepause. Dazu wird leckeres Gebäck gereicht, das mir schon wieder schmeckt, von einer Frau, die auf den ersten Blick den Eindruck einer klassischen "Schlampe" vermittelt: Blauer Frottee-Bademantel, ungekämmt, verschlafen. Aber überraschenderweise ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang. Ich staune über den direkten Blickkontakt, aber nur bis ich erfahre, dass ich gar keine Griechin vor mir habe, sondern eine Gastarbeiterin aus der Ukraine. Als ich bezahlen will winkt sie ab, sie hat mich eingeladen, eine Geste, die spürbar von Herzen kommt und deshalb echte Freude macht. Danke! Auf den nächsten Strandkilometern male ich mir ein Rendezvous mit ihr aus, aber so was gibt es ja nur im Film und da wird dann aus Aschenputtel die strahlende Prinzessin.

Ich erhalte die Information, dass das Wetter drei Tage schlecht bleiben wird. Ein bisschen drohe ich trübsinnig zu werden, aber dann mache ich mir klar, wie viele Menschen mich jetzt darum beneiden, hier sein zu dürfen, in schöner, ruhiger Gegend, fernab von jeglichem Alltagsstress. Wie schnell man doch unbescheiden werden kann, dabei hatte ich noch vor ein paar Stunden nur den einen einzigen Wunsch, wieder gesund zu werden…

Olympic Beach ist ein verlassenes Touristenkaff mit irreführend großartigem Namen. Allerdings ist der Strand hier wirklich erste Sahne. Paralia, noch ein Stückchen weiter, ist dann ganz schlimm. Tourismus pur und ohne jeden Charme. Nur Fressbuden und Ramschläden. Ab mit dem Bus nach Caterini, wo es auch nicht wirklich schön ist, aber hier gibt es den Busbahnhof und eine Verbindung nach Litochoro. Dort ist mal wieder Wahlkampf. Diesmal veranstalten die Kommunisten. Es gibt also nichts umsonst, es wird laut, leidenschaftlich und viel zu lange geredet und kaum jemand hört zu. Ich gehe zu meinem Freund Spyros und plaudere ein Stündchen in seinem Kramladen mit ihm. Von Kundschaft werden wir dabei nicht gestört. Draußen regnet es sich jetzt so richtig ein.

6.Tag
Ein Zeichen der Hoffnung, ein heiliger Moment und Regenkleidung, die sich bewährt. Schon wieder Kommunisten, aber nett betrunken und musikalisch.

Beim wunderbaren Frühstück erscheint auch Bergführer Lucky, der vier Engländer abholt, um mit ihnen auf den Golna zu gehen, wo ich ja schon war. Aber morgen soll´s ganz nach oben gehen, weil übermorgen das Wetter wieder besser werden soll. Wenn alles klappt kann ich mich anschließen. Frischen Mutes wandere ich durch die Enipeas-Schlucht, die auch im Dauerregen sehr eindrucksvoll ist.

Meine Regenklamotten bestehen den Belastungstest, auch nach vier Stunden unter Wasser fühle ich mich noch recht behaglich. Nach heißer Dusche und kurzer Siesta geht es hinaus in den Sonntag. Ein goldener Moment: Kurz scheint die Sonne auf die pitschnassen Felswände am Eingang zur Schlucht und lässt sie in göttlichem Glanz erstrahlen - ein vermutlich eher seltener Anblick. Seltener jedenfalls als Fröschlein und Feuersalamander, deren ersten ich noch begeistert fotografiere. Beim zehnten hab ich dann aber sogar aufgehört zu zählen.

Schließlich schlürfe ich meinen griechischen Kaffee, während von drüben Gitarrenklänge und inbrünstiger Gesang herüberwehen. Ach, ich mag diesen Ort, unspektakulär wie er ist. Die Alten mit ihren Gebetskettchen zwischen den Fingern, den Springbrunnen und die prachtvolle Kirche, die vielen Klänge, die unzähligen Büdchen. Trotz aller klimatischen Tücken fühle ich, dass es richtig ist, hier zu sein. Und am Abend ein echtes Highlight: Ich geselle mich zu den Musikern und Sängern in der Kneipe, packe mein Saxofon aus und dann geht es quer durch die griechische und internationale Musikwelt. Musik ermöglicht Begegnung, während die Sprache nach mehreren Stunden Frühschoppen nicht wirklich zur Kommunikation beiträgt. Die Jungs sind echt schwer angeschlagen und entpuppen sich außerdem als überzeugte Kommunisten, was mir persönlich aber nichts macht, im Moment sind sie einfach nur Menschen für mich. Und Gesinnungen sind schließlich da, um toleriert zu werden. Selbst hatte ich ja früher auch rote Träume, Schlamm drüber…

Höhepunkt ist der "Lobgesang" von Mikis Theodorakis, dem musikalischen Laien vielleicht eher in der schier unerträglichen Fassung von Milva im Ohr ("Du zeigst mir immer, dass es möhöhöhöglich ist, ganz Frau und trotzdem frei zu sein"). Da gefällt mir die Variante aus gut befeuchteten Radikalen-Kehlen schon erheblich besser.

7.Tag
Die Welt geht unter, die Stimmung ist entsprechend. Der absolute Tiefpunkt…

Über diesen Tag gibt es eigentlich nur zu berichten, dass es regnet und dass es regnet und dass es regnet. Fast vier Stunden verharre ich auf 1100 Meter Höhe in der Teehütte in Prionia und warte darauf, dass das prasselnde Geräusch wenigstens etwas nachlässt. Einzige Abwechslung: 2 durchgeknallte Norweger, triefnass, auf dem Weg nach oben. Nach ganz oben! Denn ihr Zeitplan ist extrem knapp: 9 Gipfel in 9 Ländern in neun Tagen. Gestern Mazedonien, morgen Bulgarien. Und heute bei dem Sauwetter auf den Olymp. Wie im Urlaub wirkten die zwei nicht gerade und wirkliches Vergnügen stand ihnen nicht ins Gesicht geschrieben. Aber "watt mutt datt mutt" wie der Norweger sagt. Vielleicht kommen sie ja ins Guinessbuch mit ihrer Mörderreise.

Mit dem letzten verbliebenen Auto fahre ich, vollkommen niedergeschlagen und mit enormen Bewegungsdefizit, das in den Knochen juckt, zurück. Ich kaufe in Panik jeden deutschen Buchstaben, Spiegel, Stern und sogar Bild. Der Abend im Bett ist gerettet. Dann versacke ich noch eine Stunde lang zwischen schwindsüchtigen Jugendlichen im Internet-Café. Meine Recherchen ergeben: Nordostgriechenland empfängt am heutigen Tag die europaweit höchste Niederschlagsmenge. Zahlreiche Städte ersaufen förmlich in den Fluten, in Chalkidiki scheint der Notstand ausgerufen worden zu sein. Ich schicke Jammermails nach Hause und ertrinke in Selbstmitleid und Regenwasser. Draußen ist es so dunkel wie nachts. Alle, wirklich alle, die ich frage - und ich frage viele! - alle sagen: Das war´s für dieses Jahr. Das Wetter bleibt schlecht, den Berg kriege ich nicht mehr zu Gesicht. Das Fundament meiner guten Laune gerät ins Wanken.

8.Tag
"Das Leben wird erst interessant durch die Wünsche, die nicht in Erfüllung gehen."
oder
"Wer singen lernt in Niederlagen, wird auch das Glück des Siegs ertragen."

Der Morgen macht alles zunächst nicht besser. Das alte Bild, alles grau in grau, wenigstens regnet es gerade mal nicht. Frühstück gibt es in meinem Gästehaus auch nicht, die Engländer sind weg, tatsächlich durch den Regen marschiert, den sie von zu Hause her kennen. Was soll ich nur machen? Einen Mietwagen nehmen und irgendwas besichtigen, die Meteora-Klöster zum Beispiel, die ich auch gern gesehen hätte, wohin aber kein Touristenbüro mehr einen Bus entsendet? Nach Dion trampen, alte Steine gucken? Mich besaufen? Einfach versuchen, einen früheren Rückflug zu bekommen? In solchen Momenten gibt es nur eins: Ruhe bewahren. Hinsetzen und geschehen lassen, nichts erzwingen. Erstmal ein fettes Schokocroissant und einen doppelten griechischen Kaffee als Medizin einnehmen. Der Magen macht´s ja wieder mit. Eigentlich würde ich mich am liebsten irgendwo in diesem Kafenion verkriechen, aber dann gehe ich doch lieber ans Fenster, einer plötzlichen Eingebung folgend. Und dadurch sehe ich sie, zwei weitere Engländer, echte Robin Hoods aus Nottingham, die auch gestern schon kurz in Prionia waren.

Sie marschieren über den zentralen Kreisverkehr und strahlen Tatkraft und Energie aus. Ich renne hinaus, begrüße sie. Ja, sie gehen hinauf, "certainly", komme was wolle. Das Wetter ist schließlich "much better than yesterday!" Was für ein herrlicher Optimismus! Das ist das Zeichen, das ich gebraucht habe. Es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen. Ich will auch zur Hütte, see you later!

In Ruhe zu Ende frühstücken, Sachen packen, ab dafür. Ich bin nicht hergekommen, um in einem Mietwagen herumzufahren und ich habe auch keine Studienreise gebucht. Ich will Abenteuer und wenn mir am Abend wenigstens die beiden Gesellschaft leisten, was soll mir dann schon passieren? Bloß nicht noch einen Tag bewegungslos abhängen!

Diesmal laufe ich den ganzen Weg nach Prionia, gut 4 Stunden (nachdem ich gestern getrampt bin). Es tut einfach gut, wieder in Bewegung zu sein. Körperlich und innen drin. Unterwegs werden mir die Lektionen meiner Reise klar: Ich bin ja bewusst ein Risiko eingegangen, wollte mich quasi testen, wie ich damit klarkomme, wenn etwas nicht nach Wunsch läuft. Weil mir das im Sabbatjahr (in drei Jahren) ja auch passieren wird. Es kann nicht immer alles klappen, wie es soll. Wäre ja auch langweilig. Siehe FC Bayern. Von denen Fan zu sein, muss das Langweiligste der Welt sein. Mir fällt ein, was ich dazu mal in einem Buch gelesen habe (welches bloß?): "Das Leben wird erst interessant durch die Wünsche, die nicht in Erfüllung gehen." Solcherlei geht mir durch den Kopf und macht mich Schritt für Schritt wieder leichter.

Schon an der Einsiedelei des Dionysos habe ich die zwei eingeholt, aber ich möchte noch etwas allein sein, direkt aus dem Fels sprudelndes heiliges Wasser zapfen und dem alten Kloster unterwegs wenigstens einen kurzen Besuch abstatten. Ab Prionia gehen wir dann gemeinsam.

Wie könnte es anders sein - es ist so neblig, dass man gerade mal 20 Meter weit sieht und die Luft ist schwer und feucht. Aber wir haben unseren Humor und so macht es sogar Spaß! Die schöne Aussicht stellen wir uns einfach vor. Alle die uns entgegen kommen, beantworten die Frage "Wie weit ist es noch?" mit 2 Stunden. Irgendwann fängt das an, uns komisch vorzukommen. Laufen wir im Kreis? Kann nicht sein, es geht ja immerzu bergauf! Als keiner mehr damit rechnet, entdeckt Ray ein Haus. "You´re dreaming!" Nein, wirklich, die Hütte. Thank god! Ein besonderes Vergnügen nach 8 Stunden wandern: Die eiskalte Dusche. Wenigstens gibt es hier überhaupt Wasser! Erfrischter als uns lieb ist, trollen wir uns zum Kaminfeuer. Ein ruhiger gemütlicher Abend kann beginnen, inmitten von Engländern, denn das tapfere kleine Reisegrüppchen vom Vortag ist auch noch hier und mir schwirrt der Kopf bei soviel tieh-ätschs. Die Nacht beginnt früh auf Berghütten, um 22 Uhr wird der Strom abgestellt und zum Klo finde ich nur noch mit dem Feuerzeug in der Hand. Unter drei Decken ist es schön kuschelig und ich schlafe erstaunlich gut.

9.Tag
Do it like Yeti!

Der erste Blick durchs Fenster ist wieder eine Enttäuschung: Nebel, Regen. Also lasse ich meine Freunde Chris und Ray um 8 Uhr losziehen und warte mit dem Slowaken Dusan darauf, dass wenigstens der Regen etwas nachlässt.

Dusan ist ein irrer Typ, der ein bisschen an den Yeti erinnert. Er spricht kaum Englisch, geschweige denn Griechisch oder Deutsch und kämpft sich mit einem Wörterbuch so durch das Dickicht der internationalen Kommunikation. Er kam mit dem Bus über Bratislava, Budapest, Sofia und Thessaloniki und schläft in Bahnhöfen, Klostern oder im Freien. Auf der Hütte übernachtet er im Aufenthaltsraum, für eine Matratze ist kein Geld übrig.

Wieder eine Begegnung der besonderen Art, die mir klar macht, was für ein gigantisches Privileg es ist, sich in ein Flugzeug setzen, ein Hotel buchen und im Restaurant essen zu können. Wenn ich mir vorstelle, er käme mich besuchen - ich würde mich für meinen westlichen Wohlstand in Grund und Boden schämen.

Andererseits: Er wirkt ausgeglichen und glücklich, arbeitet als Ranger in einem großen Naturpark und schon auf so ziemlich allen Bergen Europas, Mont Blanc inclusive. Arbeit und Urlaub sind für ihn eins. Ein Leben in der Natur - es gibt wahrhaftig Schlimmeres.

Gegen 10 Uhr machen wir uns auf den Weg. Er legt ein strammes Tempo vor und wir sind ruckzuck auf dem Skala, dem ersten der Gipfel des Olymp. Zu erkennen ist das aber nur am Schild, die Sichtweite beträgt wenige Meter, es liegt eine dünne Schneedecke und die kargen Pflänzchen sind mit einer dekorativen Eiskruste überzogen. Zum Fotografieren ziehe ich die Handschuhe aus, was ich schnell bereue, denn es ist wirklich kalt.

Aber wenigstens kann ich jetzt sagen, ich war oben. Und ein Erlebnis ist es allemal. Runter geht es noch schneller und Maria die Hüttenwirtin staunt nicht schlecht, dass wir schon wieder da sind. Nach leidenschaftlich-freundschaftlicher Fotosession bricht Dusan auf und ich fühle mich wieder verunsichert. Soll ich mitgehen? Oder als einziges Menschlein oben ausharren, um das letzte Fünkchen Hoffnung auf eine Wetterbesserung zu schüren?

Ich gehe vor den Kamin und in mich. Und bleibe. Es ist doch schön hier! Und am Abend kommt bestimmt wieder ein Überraschungspaket mit Menschen.

Nach angemessener Pause gehe ich spazieren. Die Nebelstille ist magisch, aber auch unheimlich, weil absolut vollkommen. Kein Windhauch, kein Vogelton, nichts. Großartig, beeindruckend. Ich fühle mich angefüllt mit Stille, oder auch umgekehrt, entleert von jedem Ballast. Während ich sinnend sitze, reißt die Wolkendecke etwas auf. Über mir Nebel, unter mir Nebel, ich dazwischen. Ein sich ständig änderndes Gemälde aus Gottes höchstpersönlicher Künstlerhand, das mir Gänsehaut macht und Tränen der Rührung aufkommen lässt. Allein für diesen Moment hat sich das Bleiben schon gelohnt!

Aber es kommt sogar noch besser! Als nächstes wird der Blick nach unten ganz freigegeben. Die durchwanderte Schlucht grüßt aus der Ferne, das Meer ist zu erahnen.

Und plötzlich beginnen die Vögel erleichtert zu singen! Was für eine Idylle! Ich bin einfach nur glücklich, das erleben zu dürfen. Und dann, am frühen Abend, wird es auch oben klar, so plötzlich als würde ein Vorhang zur Seite gezogen. Bühne frei für den zum Greifen nahen Olymp:

Zum Schauspiel versammelt sich nach und nach eine deutsche Gruppe, außer mir noch zwei Pärchen. Optimismus macht sich breit. Ob es wohl morgen doch noch klare Sicht geben würde? Entsprechend launig verläuft der Abend, wir blättern in einem Bildband aus dem Antiquariat und lachen uns über die Bildunterschriften und die Badelatschen der so genannten "Bergsteiger" kaputt. Bernd wird morgen 50 und hat sich gewünscht, seinen Jubeltag auf dem Olymp zu verbringen. Seine Frau Gudrun und er haben doch tatsächlich schon die Silberhochzeit hinter sich! Anzumerken ist ihnen das nicht, sie wirken jung und erfreulicherweise immer noch verliebt. Ein wirklich schöner Abend! Aber was wird der Morgen bringen?

10.Tag
Die Hoffnung stirbt zuletzt - Happy End über den Wolken?

Der erste bange Blick nach draußen zeigt - Nebel. Das ist wie ein Schlag in die Magengrube. Also wieder nichts und heute ist meine allerallerletzte Chance, morgen früh geht mein Flieger. Ralf aus München, der schon zweimal vergeblich versucht hat auf den Mytikas zu kommen, fügt sich in sein Schicksal. Er hat seiner Frau Marion versprochen, bei schlechtem Wetter abzusteigen und nach Chalkidiki an den Strand zu fahren. Adios, ihr Lieben! Aber Bernd sagt mit absoluter Klarheit und Bestimmtheit: "Um neun gehen wir los. Dann sind wir um elf oben und dann klart es auf." Obwohl ich nicht so recht daran glauben kann, schließe ich mich den beiden an. Du hast keine Chance, aber du musst sie nutzen!

Der Aufstieg ist mühsamer als gestern, die Sicht nur unwesentlich besser. Wir überholen drei belgische Mädels, die schon völlig außer Atem sind. Sie fragen nach dem weniger steilen Weg, den es angeblich gäbe. Tja, ich fürchte, das ist dieser hier, die Alternativen sind noch viel härter! Unsererseits werden wir von einem jugendlichen Schweizer Pärchen überholt und mühelos stehengelassen. Dann, nach endlosem Aufstieg kommt es mir plötzlich vor, als würde es etwas heller. Wahrscheinlich eine Halluzination. Es kann nicht mehr weit sein. Auf einmal ein Jubelschrei. Die Schweizer scheinen den Gipfel erreicht zu haben. Aber würden sie nur deshalb so schreien? Oder… Hinter dem Nebel wird eine fahle, mondartige Sonne sichtbar. Mit klopfendem Herzen renne ich das letzte Stück und auf einmal, ich kann es kaum fassen, bin ich über den Wolken! Nun schreie ich selbst und mir kommen die Tränen. Ist das wirklich wahr? Blauer Himmel, grelle Sonne und zum Greifen nah der Mytikas gegenüber! Ein Wunder! Die Belohnung für Geduld, Gelassenheit und sich nicht klein kriegen lassen. Wir liegen uns in den Armen, es ist einfach unglaublich! Jetzt wollen wir alles: Auf zum Mytikas!

Das erste Stück der Kletterpartie bringe ich schnell hinter mich, aber dann kommen Erschöpfung und Angst. Es ist schon verflucht steil an manchen Stellen und die Wolken sind bedrohlich nah. Was, wenn das Wetter umschlägt? Ich denke an die Warnungen, an die Toten, die es jedes Jahr hier gibt. Mein letzter Power Bar mobilisiert die Reserven. Wenn es nicht mehr weiter geht, dann mache ich eben Schluss. Ich habe immerhin Familie. Aber irgendwie geht es dann doch immer weiter. Klettertechnisch ist das alles halb so wild. Ich zwinge mich zur Ruhe. Schritt für Schritt weiter. Dann ein Sprung über einen etwa ein Meter breiten Spalt, wie bei Ronja Räubertochter. Nur nicht runtergucken. Und dann ist es geschafft, wir sind ganz, ganz oben, höher geht es nicht.

Die ersten nach 5 Tagen Schlechtwetter! Das heißt, nicht ganz. Da ist ja die norwegische Fahne! Wir sehen im Buch nach, in das auch wir uns später eintragen. Tatsächlich, die zähen Jungs haben es im Unwetter sogar bis hierhin geschafft!

Doch jetzt wird gefeiert, mit Kerzen, Kuchen und sogar Champagner. Ich singe Bernd ein Geburtstagsständchen. Engel, die zwei! Wäre ich ohne sie hier? Ich bezweifle es. Der Blick schweift in die Ferne. Ringsum eine grellweiße Wolkendecke. Skala, Stefani, Skolio und unser Mytikas lugen daraus hervor. Ein Traum!

Jetzt muss der Abstieg noch überstanden werden. Wie schon am Triglav ist das viel leichter als befürchtet. Meine Angst ist weg, die Zeit vergeht viel schneller, schon sind wir wieder am Skala-Gipfel zurück. Und zum krönenden Abschluss gehen wir auch noch das kurze Stück zum Skolio, dem zweithöchsten Gipfel des Olymp. Von hier aus ist der Blick noch grandioser. Wildwestschluchten, Mondlandschaft und grandiose Steilhänge. Die Wolken fallen hinter den Berg wie ein Wasserfall.

Jetzt wird es Zeit für mich ein wenig allein zu sein, zu beten, tiefe Dankbarkeit zu empfinden für dieses Geschenk. Ich muss an Chris und Ray denken, an die anderen Engländer, die den Berg nicht eine Sekunde lang sehen durften, an Ralf, der jetzt schon dreimal vergeblich Anlauf genommen hat. Was für ein Privileg, das der Berg mir gerade gewährt! Und was für eine Lektion fürs Leben! Dass nämlich dann, wenn die Lage hoffnungslos scheint, die Sonne schon auf einen wartet, wenn man nur nicht aufgibt! Und dass es dann plötzlich nur ein einziger Schritt ist, der einen plötzlich über den Dingen stehen lässt. Ich gehe ein Stück abseits und dann bricht es aus mir heraus, die ganze Spannung der letzten Tage und der anstrengenden Kletterei löst sich in Tränen auf, ich heule, wie ich schon seit Jahren nicht mehr geheult habe, minutenlang und das befreit die Seele, die ihre Schwingen ausbreitet und ein paar Runden über mir dreht.

"Paul, wo bist du?" Meine Weggefährten sehen mich nicht mehr, dabei bin ich doch nur ein paar Meter gegangen! Der Vorhang ist wieder zugezogen. Zeit umzukehren, erfüllt, ruhig, dankbar. Die Richtung heißt nach Hause. Ich freu mich drauf!

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