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Am Rande vom Strande

April 2007 (Kreta, Balí)
Eine Osterferienwoche auf Kreta. Hinter der allerletzten Badebucht schiebt sich eine kleine Felsenhalbinsel ins Meer. Meine Lieblingsstelle für den Abend, wenn die letzten Strahlen der untergehenden Sonne die Küste in ein goldenes Licht tauchen.


Hier saß ich gelegentlich, um vor mich hin zu spielen, wusste aber nie, ob mein Gedudel womöglich als störend empfunden wurde. Bis mich am vorletzten Urlaubstag eine sehr nette Frau mit einem reizenden russischen Akzent ansprach: "Chaben Sie gestern gespielt? Danke für die wunderschöne Musik!" Sie hieß Olga ("von der Wolga") und ihre niedliche Tochter war die Prinzessin Anastasia.
Die dritte Frau (und Generation) der Familie, Olgas Mutter und Anastasias Oma, lernte ich leider nur noch ganz kurz kennen. Sie schenkte mir am Abreisemorgen ein warmes Lächeln (das mich an meine Mutter erinnerte!) und meinte: "Sie haben mit Engelsstimme gespielt! Es klang wie Chimmelsmusik." Mein Herz wurde so groß wie ein Medizinball und wir verabschiedeten uns so herzlich voneinander, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Ein Moment für die Schatztruhe der Erinnerungen...

30.7.05 (mitten im Wald, in der Mark Brandenburg, nahe dem Bikowsee):
"German Beauty"

Ich fahre mit dem Rad durch den Wald bei Rheinsberg zu einem kleinen See, wo ich musizieren möchte. Doch bereits nach wenigen hundert Metern unterbreche ich meine Fahrt, weil ein Phänomen meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein kleines Birkenblatt schwebt bewegungslos etwa zwei Meter über dem Boden, mitten über dem Waldweg. Der Spinnenfaden, der es vermutlich hält, ist nicht zu erkennen, die nächsten Bäume sind einige Meter entfernt. Ich steige ab und betrachte mir die Sache aus der Nähe. Wie zur Begrüßung schwebt das Blatt langsam auf mich zu, bleibt wie absichtlich unmittelbar vor meinem Gesicht stehen, dann fängt es an, sich um sich selbst zu drehen, dabei auf und ab zu schaukeln, bevor es mit einem einzigen kraftvollen Schwung drei, vier Meter hoch fliegt. Eine Weile schaue ich nur zu, die Szene mit der tanzenden Plastiktüte aus dem Film "American Beauty" kommt mir in den Sinn. Dann packe ich das Sax aus und mache die Tanzmusik. Selbstvergessen verbringe ich meine Zeit im absoluten Einklang mit einem kleinen gelben Blatt, das mit seinen Bewegungen über jede logische Erklärung hinaus pure Freude und Schönheit auszudrücken scheint. Es nähert und entfernt sich, spielt mit mir wie ich mit ihm, als wäre es sich seiner selbst bewusst. Mal fordert es mich zum Walzer auf, mal scheint es auf meine spontan entstehenden Melodien zu reagieren. Zunächst zwei, dann vier Radfahrer kommen und halten ebenfalls inne, allesamt fasziniert von dem, was sie da mitten im Wald sehen und hören. Einer hat einen Camcorder dabei und filmt. Eine der Frauen erinnert sich an den Satz aus dem bereits erwähnten Film: "Manchmal ist etwas so schön, dass es sich mit Worten nicht mehr beschreiben lässt." Eine zeitlose Ewigkeit vergeht und vergeht doch nicht, vereint fünf einander völlig fremde Menschen, die ein Zufall gerade jetzt und hier zusammengeführt hat, um gemeinsam zu erleben, wie ein so völlig profaner und belangloser Vorgang der Natur, eben ein Blatt im Wind, einen so unwirklichen Zauber ausüben kann, dass es Gänsehaut macht…

Video vom Blatt im Wind

Juli 05 (unterwegs in Bayernland)
Zum ersten Mal habe ich das Sax auf dem Fahrrad mit - ich habe es (trotz des zusätzlichen Gewichts) nicht bereut! Immer wieder schöne Stellen zum Musizieren! In Zenting an einem Badesee wird applaudiert, an einem anderen Tag inspiriert eine Grille zu einer sehr schönen, runden Improvisation. An einem anderen Badesee komme ich mit einem älteren Pärchen ins Gespräch, das es aus dem Ruhrgebiet hierher verschlagen hat. Der Mann ist süß, druckst herum. Also, man habe ja in dem Sinne kein Lied erkennen können, aber es sei bestimmt sehr schwierig, was ich da übe.

Ein Sonntagmorgen in Landshut, am Isarspitz: Vogelgezwitscher (darunter ein herrlicher Dreiklang eines mir unbekannten Vogels) und Kirchenglocken. Friedvolle Melodien voller Inspiration. Zwar mit Publikum, aber leider ohne nennenswerte Resonanz, sieht man vom Angler ab, der genau wie ich überzeugt ist, dass ich die Fische anlocke. Hält man mich für einen Spinner und/oder traut sich niemand etwas zu sagen?
Der Höhepunkt schließlich an einem toten Arm der Altmühl: Ein gigantisches Echo und Farradreisende, die extra anhalten, um zuzuhören. Noch Stunden später hallen die Melodien in mir nach...

3.8.04 (Volksgartenteich Lütgendortmund)
Plötzlich steht ein Mann neben mir. "So eine wunderbare Musik, so ein weicher Ton - da musste ich doch mal gucken, wer da spielt, das konnte doch kein Radio sein." Ich bedanke mich für seine Komplimente und ahne, einen Musiker vor mir zu haben. Richtig, er spielt Klavier und Akkordeon und singt. In seiner offenen, herzlichen Art schwingt Trauer mit. Er musiziert nur noch wenig, seine Frau mag es nicht. "Hast wohl wieder Langeweile", sagt sie, wenn er sich ans Klavier setzt. "Hast wohl zu wenig Arbeit." Und so weiter. Sie hat eine laute Stimme. Er hat sich in sein Schicksal gefügt. Aber manchmal sticht es in der Brust, vor allem, wenn er Musik hört.
Er heißt übrigens Heinrich, genannt Heio. Seine Anekdoten von früher höre ich gern, von Heldentenören, begnadeten Conferenciers, den gescheiterten Träumen, ganz groß herauszukommen (die mir so vertraut sind...). Als er erwähnt, "damals" 59 gewesen zu sein, staune ich - für viel älter hätte ich ihn jetzt weiß Gott nicht gehalten. Ich frage ihn einfach: Er ist 76!
Immer wieder kommt er auf seine Ehe zu sprechen, die so ganz anders ist, als er sie sich wünschen würde. Sein Leben sei gescheitert, er sei zu weich, zu sensibel, drum habe er nie weggehen können, obwohl es ihn immer wieder gereizt habe. Jetzt nach 50 Jahren Ehe sei es sowieso zu spät. Kennen gelernt hatten sie sich nach dem Krieg. Sie war eine Meisterin im Beschaffen von Essbarem gewesen. Und das hat damals gezählt. Die ersten Jahre mit ihr seien ja noch gut gewesen, aber dann... Sie untersagte ihm, ein Engagement am Stadttheater anzunehmen. "Das konntest du machen, so lange du Junggeselle warst!" Will, dass er artig zu Hause bleibt und "ihr am Hintern hängt". Bringt sich so selbst darum, den Glanz dieses besonderen Menschen an ihrer Seite, der sich immerhin für sie entschieden hat, wahrnehmen zu können. Furchtbar.
Trotzdem: Seine Ehrlichkeit, seine Offenheit, seine trotz allen Kummers spürbare Herzenswärme imponieren mir. Das klingt weniger nach Katzenjammer, als nach ungeschönter Bilanz. Wie gern würde ich ihm sagen, dass es nie zu spät ist, ein neues Leben anzufangen. Aber ich spüre es ja selbst: Es ist ja wohl zu spät für ihn. Wie gern würde ich mit zusammen musizieren - aber er winkt ab, dazu müsse er erstmal wieder wochenlang üben.
Dann setzt er sich auf eine Bank in die Nähe, der Rücken beginnt zu schmerzen. Eine Weile spiele ich noch, nur für ihn. Dann gehen wir unserer Wege.