Wenn ein Zug erst um 2.05 Uhr in der Nacht abfährt, hat der Reisende ein Problem, es sei denn, er ist als Student oder Spätschichtler an langes Aufbleiben gewöhnt. Da ich weder das eine noch das andere bin, sehne mich eher nach den Zeiten zurück, zu denen es im Fernsehen noch Spielfilme ohne Werbeunterbrechung gab, die um 21.45 Uhr zu Ende waren. Was für ein Glück, wenn ältester Sohn und ältester Freund sich opfern, einen Männerabend mit einem zu verbringen, um die Wartezeit zu verkürzen und Einschlafen zur Unzeit zu verhindern. Und was erst recht für ein Glück, in einer wahren Weltstadt beheimatet zu sein - Dortmund bei Nacht bietet, wie das folgende Foto beweist, wirklich alles, was das Herz begehrt: Anspruchsvolle Unterhaltung in gediegenem Ambiente, schöne Frauen, Frohsinn, Lebensfreude.

Verständlicherweise fiel es mir daher nicht ganz leicht, Abschied zu nehmen, als die Zeit endlich gekommen war. Trost fand ich in der Erwartung, auf ausgeklappten, bequemen Liegesitzen in erholsamen Schlummer fallen zu dürfen. Weit gefehlt! Nicht genug damit, dass es sich beim so genannten "Intercity" um einen ausrangierten Interregio mit entsprechender Festsitzausstattung handelte, war auch noch alle naselang ein Personalwechsel im Programm vorgesehen, was dazu führte, dass ich meine tolle Fahrkarte bis Passau circa 8mal vorzeigen durfte. Die Schaffner der Deutschen Bahn sind offensichtlich darin geschult worden, den genauen Moment abzupassen, in dem man als Fahrgast trotz aller Unbequemlichkeiten einzuschlafen droht. Vermutlich lauern sie vor der Abteiltür auf verdächtige, weil allzu gleichmäßige Atemgeräusche und stoßen dann unbarmherzig zu, mit hämischem Grinsen die Abteiltür aufreißend und eine kurze Ansprache in der Phonstärke überbordender Wichtigkeit haltend. Sollten sie einmal ihre sadistischen Pflichten vernachlässigen, sind da immer noch die regelmäßigen Lautsprecherdurchsagen, die für jeden Ort das komplette Anschlusszugprogramm durchgeben. Wenigstens war es so nicht nötig, einen Wecker zu stellen. Kaffee gab es auch im ganzen Zug nicht. (Auf dem Rückweg kam mitten in der Nacht immerhin die Information, dass der Zug sich jetzt zwanzig Minuten nicht von der Stelle rühren würde, weshalb die Möglichkeit bestünde, Getränkeautomaten zu frequentieren). Zum Frühstück gab es nur einen schlecht gelaunten Zugbegleiter, der mir aber immerhin half, meine bayerischen Fremdsprachenkenntnisse aufzufrischen und der sich auf meine Bitte hin große Mühe gab, langsam zu sprechen.
Nur einen Wimpernschlag später fand ich mich bereits in Linz, wo ich forsch mein Fahrrad entlud, um die läppischen letzten 35 km bis zu meinem Bestimmungsort Studanky im tschechischen Böhmerwald zurückzulegen. Leider hatte ich die Landkarte zu Hause nicht ausreichend studiert und bezahlte dieses Versäumnis mit einem Beinahezusammenbruch - 15 zermürbende Kilometer ununterbrochener dezenter Steigung zwischen 5 und 10 Prozent nahmen meinen von der Zugfahrt bereits eingeweichten Körper doch ziemlich mit. Immerhin hatte einstweilen eine milde Frühlingssonne den letzten Schnee weggeschmolzen und verwöhnte mich ab sofort eine Woche lang mit dem edelsten Wetter, das erst wieder umschlug, als ich nach Hause fuhr. Wenn Engel reiten...
Untergebracht war ich bei einer sehr netten Familie in einem kleinen Knusperhäuschen am Waldrand.

Zur Begrüßung wurde ich mit Brathähnchen und Bier verwöhnt und anschließend zu einer kleinen Stadtrundfahrt durch Vyssi Brod (Hohenfurt) mitgenommen, das ich eigentlich schon ganz gut kannte, was ich mich aber nicht zu sagen traute. Beziehungsweise konnte ich mich nicht recht begreiflich machen. Um uns zu unterhalten, radebrechten wir, was das Zeug hielt und mir wurde die erste Lektion in tschechischer Prononziation erteilt. Den Grad der Unaussprechlichkeit von Wörtern, die über einen ungeheuren Konsonantenreichtum verfügen, während mit Vokalen eher gegeizt wird, regelt man in dieser Sprache durch eine muntere Reihe verschiedenster Akzente, die sich auf der mir zur Verfügung stehenden Tastatur leider nicht in Ansätzen wiedergeben lassen. Wie auch immer, das gegenseitige Bemühen, sich zu verstehen, war die erste Grundlage einer beginnenden Freundschaft. Wie absurd erscheint vor diesem Hintergrund der Gedanke, dass wir, einander unbekannt, noch vor zwanzig Jahren Todfeinde gewesen sein sollen, getrennt durch Minenfelder, Stacheldraht und Schießbefehl!
Beim abendlichen Spaziergang zum Reiterhof wartete das erste traumatische Erlebnis auf mich. In der Leichtigkeit des Frühlings, fern der Heimat, mögen sich unkeusche Fantasien von schönen, abenteuerlustigen Märchenfeen meiner bemächtigt haben, die mir gründlich ausgetrieben werden sollten. Neben mir fuhr plötzlich eine seltsame Person auf einem schrottreifen Klappfahrrad und schlug, des Lenkens und Gleichgewichthaltens augenscheinlich unkundig, lang hin. In Verkennung der Situation war ich besorgt und wollte helfen. Von nun an wurde ich sie nicht mehr los. Sie, das war - Entschuldigung! - die mit Abstand hässlichste Frau, die ich je gesehen habe. Unförmig, pickelübersät, dünne Haare, die noch nie mit Shampoo in Kontakt gekommen waren, Glasbausteinbrille und hochgradig debil. Ich war hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Entsetzen. Ununterbrochen redete sie auf mich ein, näherte sich mir in ihren unbeschreiblich schmutzigen und abgetragenen Klamotten auf eine Weise, die nicht anders als zudringlich bezeichnet werden kann und spuckte dabei Unmengen von Buchstaben aus. Für sie war ich wohl so etwas wie eine Erscheinung, ein Wesen von einem anderen Stern. Vermutlich hatte ihr noch nie jemand bei irgendetwas behilflich sein wollen. Nun kann ich im Allgemeinen ganz gut damit leben, vergöttert zu werden, aber als sie dann noch anfing, sich mit obszönen Gesten die Lippen zu lecken, fing ich in nackter Panik an, davonzulaufen, immer in (allerdings unbegründeter) Sorge, das Klappfahrrad könnte mich doch noch einholen oder herbeigerufene große Brüder würden die Entehrung der Schwester rächen. Wie sich später herausstellte, hauste sie in einer Ruine an der Hauptstraße zusammen mit ihren unzähligen Angehörigen im tiefsten Elend. Die ganze Sippschaft sah zum Fürchten aus - die Frage der Fortpflanzung wurde offenbar seit Generationen als reine Familienangelegenheit betrachtet. Und Armut ist leider noch immer das andere Gesicht dieser Region. Fassaden, die Schicht für Schicht abblättern, zerbrochene Fensterscheiben, Verfall und Gestank. Nimmt dafür noch jemand Miete?
Gegen amouröse Dummheiten jedenfalls war ich von nun an gefeit: Sobald ich von Abenteuern mit tschechischen Frauen auch nur zu träumen begann, schob sich das Bild wunder, wulstiger Lippen inmitten eines furchtbar entstellten Antlitzes vor mein inneres Auge und ich verwandelte mich im Nu in eine geschlechtslose Amöbe.
Am nächsten Morgen hatte ich meine erste Reitstunde. Da alles noch ganz gut klappte, vereinbarten wir für den Abend einen Ausritt. Bis dahin ging ich auf Wanderschaft. Über zwanzig Kilometer ohne einem Menschen zu begegnen! Zugegeben ist das nicht jedermanns Sache, aber ich liebe es, in stiller Natur mit mir allein zu sein, mich im großen Fluss des Lebens eine Zeitlang mit dem Bauch nach oben treiben lassen zu können, von keiner anderen Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen abgelenkt als der, links, rechts oder geradeaus zu gehen. Auch beim Ausritt in der Beschaulichkeit der beginnenden Dämmerung atmete ich förmlich den sich um mich breitenden Frieden ein.
Seltsam: Normalerweise zieht es mich niemals an einen Ort zurück, an dem ich bereits einmal gewesen bin. Die Welt ist so groß und so voller Überraschungen und Geheimnisse, dass es immer wieder Neues zu entdecken gilt. Zwar trifft man überall, wohin man kommt, scharenweise Menschen, die zum zwanzigsten Mal ebendort sind und jetzt schon wissen, dass sie auch im nächsten Jahr wieder hier Urlaub machen werden. Und darauf auf seltsame Weise auch noch stolz sind. Doch für mich ist so etwas normalerweise unvorstellbar. Hier erlebe ich es anders, ich kann zum ersten Mal nachvollziehen, wie es ist, wegzufahren und zu Hause anzukommen. Wer weiß, vielleicht war ich in einem früheren Leben ja ein "Bohéme". Jedenfalls rühren mich diese einsamen Hügel und "Böhmischen Dörfer" ungemein an und ich weiß jetzt schon, dass ich im Sommer wiederkommen werde, erstaunlich!
Noch in einer anderen Angelegenheit werden meine Dogmen in den Grundfesten erschüttert. Mir war das Fotografieren immer höchst suspekt. Ich vertrat stets die Ansicht, die so genannten "Herzensfotos" wären genug. Irgendwelche Fotohampeleien waren mir immer peinlich, weshalb ich fehlschloss, anderen müsse es genauso gehen. Als ich anderntags jedoch meine Scheu überwand und meine Gastgeberfamilie um eine kleine Fotosession mit Schaf und Pferd bat, merkte ich, was für eine Freude ihnen dies machte. Mit großem Vergnügen posierten sie miteinander und mit den Tieren und das Fotografieren schuf wieder ein Stück mehr Vertrautheit zwischen uns Fremden.
Am dritten Tag verließ ich erstmalig im vollen Galopp meinen Sattel. Erstaunlicherweise machte ich trotzdem nicht die Erfahrung, wie es ist, auf der Wiese abzurollen. Keine Ahnung, wie es mir gelang, vom Hals auf den Rücken des Pferdes zurückzufinden. Eigentlich hatte ich jetzt damit gerechnet, mein Reitlehrer Bruno würde die Bremse ziehen und mir eine kleine Verschnaufpause gönnen, aber er war wohl Anhänger der Theorie "Nach einem Unfall ist es das beste, sich sofort wieder ans Steuer zu setzen" und trieb sein Pferd und mich weiter an. Leider wollte mein Pferd entweder links oder rechts überholen, nicht aber wie gewünscht der Spur meines Vorreiters folgen. Mein Kampf mit ihm ging maximal unentschieden aus! Nach dieser Tortur hatte ich vom Reiten für den Rest des Tages genug. Auch Bruno empfahl mir "auszurasten", was in seinem Dialekt offenbar eine etwas andere Bedeutung als in meinem hat.
Statt zu reiten unternahm ich einen Fahrradausflug zum Lipnosee. Unterwegs fand ich einen Ort, den es nicht mehr gibt, Kaplicky. Es berührte mich eigenartig, auf einem Schild zu lesen, dass die Kirche der Gemeinde just an meinem Geburtstag in die Luft gesprengt worden war, möglicherweise zur selben Zeit, da ich meinen Begrüßungsschrei in die neue Welt hinausschickte. An selber Stelle steht jetzt ein anderer Turm, aus gottloser Zeit, Erinnerung an den "Eisernen Vorhang".
In Frymburk betrat ich dann das "OTRE"-Reisebüro. Mein gewiss nicht unvernünftiger Gedanke war, mich gleich an Ort und Stelle um ein Ferienhaus für den Sommer zu bemühen. Aber es kam, wie es im Osten laut gängigem Vorurteil wohl kommen musste. Die Menschen sind absolut freundlich und hilfsbereit, aber nur so lange, wie sie es nicht von Berufs wegen sein müssen. Gib ihnen einen Job in einem Dienstleistungsbetrieb und schon verwandeln sie sich in unwillige, träge und missmutige Gestalten, denen es schon zuviel ist, ein Bier zu servieren, bevor es verschalt ist. Als ich also mit meinem Anliegen eine gedankenverlorene junge Frau belästigte, deren Aufgabe es ausschließlich war, Wünsche wie den meinen zu erfüllen, nämlich Ferienhäuser zu vermitteln, zuckte sie nur mit den Schultern und empfahl mir das Internet. Ich gab zu bedenken, dass ich aus Deutschland sei und nun vor Ort die Chance nutzen wollte, mir das eine oder andere Haus anzuschauen. Das war für sie nicht in Ansätzen nachvollziehbar. Sie hätten 2000 Häuser im Angebot und die würde ich ohnehin nicht finden. Ich wäre schon zufrieden, wenn sie mir vielleicht fünf, und zwar in einer ganz bestimmten Gegend zeigen könnte, die zur geplanten Reisezeit frei wären, ließ ich nicht locker. Ich solle im Internet nachschauen, war die stereotype Antwort auf jeden konkreten Vorschlag meinerseits. Es kam der Moment, in dem ich - viel zu früh! - aufgab und die Mitarbeiterin wieder ihrer gewohnten Langeweile überließ. Andere Kunden gab es nämlich nicht. Hätte ich gewusst, dass das Büro im Internet nicht 2000, sondern nur 50 Häuser anbietet, bei denen man auch noch jeweils einzeln den Standort recherchieren muss, weil es keine Suchmaske gibt - ich hätte darauf bestanden, gleich vor Ort den Rechner anzuschmeißen! Dann hätte man mir vielleicht direkt verraten, was ich so erst zu Hause herausfand: Nämlich dass die wenigen Häuser auch noch sämtlich ausgebucht waren! Immerhin fand ich live per Fahrrad aber noch das Camphotel Hrustice und dort ist es sowieso am schönsten.*
(* Fußnote: Mit gewisser Verspätung habe ich eine Wutmail ans Büro geschickt. Plötzlich ist doch ein Haus in Kovarov frei...)
Am nächsten Tag erwartete mich der vorläufige Höhepunkt meiner Reiterkarriere: Ein 20-Kilometer-Tagesritt! Zunächst war ich ziemlich nervös, vor allem auf dem kurzen Stück Straße in Vyssi Brod, das wir hinter uns zu bringen hatten. Rechts die Moldau, links die LKWs, uahh! Im Wald hingegen wurde ich ruhiger, vielleicht auch ein Ergebnis des gelegentlichen Wodka-Konsums unterwegs. Steil bergauf, steil bergab, über Bäche und im Trab unter umgestürzten Baumstämmen hindurch: - auf mein Pferdchen war Verlass. Bei der Ankunft am Ziel waren wir von den Spuren des Ritts und des Kartoffelbrands gezeichnet und stürzten uns auf das Abendessen. Man merkte sofort: Hier mag man Tiere - vor allem kross gebraten. Was jetzt auf unseren Tellern lag, war wahrscheinlich bis vor kurzem noch glücklich quiekend über die Weide gerannt. Die Tochter des Hauses fragte mich jedenfalls auch gleich, ob ich auch noch lebende Tiere sehen wolle und ich folgte ihr willenlos. Nun, auf der Titelseite von "Cosmopolitan" würde ihr Gesicht vielleicht nie zu sehen sein, aber sie verfügte doch über unleugbaren rustikalen Charme. Und so zielstrebig, wie sie mit mir im Schlepptau ans vor Blicken geschützte, einsame andere Ende der riesigen Weide marschierte, in einer atemberaubenden Geschwindigkeit, dass wir einen Kondensstreifen hinter uns herzogen und ich schon nach wenigen Schritten Seitenstiche bekam, ging ich eigentlich davon aus, dass sie mir, sobald wir außer Sichtweite des gestrengen Vaters wären, die Klamotten vom Leib reißen und mich übermannen würde. Jedenfalls machte sie einen zu allem entschlossenen Eindruck, und wehren hätte ich mich in meinem Zustand vermutlich nicht mehr können. Tatsächlich blieb mir dieses Schicksal aber erspart, ich durfte mir nur schnell die Mittagessen der nächsten Monate anschauen und mir die Rufnamen der Schnitzel einprägen, und dann ging es in demselben leidenschaftlichen Tempo zurück ins Haus. Dort unterhielten sich Bruno und der Gastgeber stundenlang auf Tschechisch, was für niemanden ein Problem war. Machte ich aber Konversation mit der Tochter auf Englisch, wollten alle die Untertitel dazu. Und wenn ich wahrheitsgemäß meldete, dass ich sie nach ihrem Studium gefragt hatte, wurde mir unverhohlen verkündet, dass das jawohl nicht stimme, grins, grins. Sowas ärgert mich dann schon, zumal meine Gesprächspartnerin eingeschüchtert schwieg und der Rest des Abends in Tschechisch abgespult wurde. Wenigstens war ich so dreist, dem Mädel zum Abschied noch ein paar fette Komplimente auf Englisch zu machen, natürlich in einem Tonfall, der nicht mehr den geringsten Anlass zu Misstrauen weckte.
Nach dem Tagesritt zu Pferd folgte einer auf dem Fahrradsattel, 100 km die Grenze entlang auf menschenleeren Straßen und Pfaden, vorbei an endlosen Wiesen, idyllischen Seen und pittoresken Dörfern. In einem befand sich diese Tierhandlung:

Eigentlich wollte ich meiner Familie den Herzenswunsch nach einem neuen Haustier erfüllen und sie mit einer mitgebrachten Schmusekatze überraschen, aber der Laden machte seltsamerweise erst am Abend auf und so lange wollte ich nicht warten...
Überhaupt scheint das richtige Timing ein unlösbares Problem bei Radtouren darzustellen. Wenn man eigentlich eine Pause bräuchte, gibt es keine geeignete Stelle, und wenn man andererseits einladende Wiesen und romantische Gewässer passiert, ist der Proviant alle und man spürt den Druck, irgendwann die nächste Stadt erreichen zu müssen.

Nove Hrady, Ziel meiner Etappe, entpuppte sich als große Enttäuschung. Hier möchte ich nicht tot überm Zaun hängen, also weiter über eine herrliche Allee.

Und wieder so ein Moment: Da ist so eine Hospoda, wie ich sie die ganze Zeit ersehnt habe, biertrinkende Menschen im Hof unter Baumkronen, aber wenn ich jetzt einkehre, schaffe ich es zu womöglich zu keinem Hotel mehr. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit passiere ich einen anheimelnden Ort mit einer gigantischen Kirmes (eine Schießbude und eine Schiffschaukel) und einem schangeligen Hotel.
Ach, hätte ich doch dem Wunsch nachgegeben, einfach hierzubleiben! Oder wäre ich doch durch spontanen Hospoda-Aufenthalt zum Bleiben gezwungen worden! So aber fuhr ich weiter nach Kaplice, wo die einzige anheimelnde Herberge ausgebucht war und ich in ein teures, aber langweiliges Dreisternehotel ziehen musste, weil die einzige Alternative das hier gewesen wäre:

Am Nachmittag des nächsten Tages dann wieder ein längerer Ritt. Wir kehren in Oberhaid in einem Saloon ein, nachdem wir unsere Pferde draußen angebunden haben - cool! Mittlerweile betone ich schon beim Gehen meine O-Beine wie ein echter Cowboy!
Meine Gastfamilie wollte mich inzwischen schon "verlosen". Obwohl ich mit Sicherheit einen prima Hauptgewinn abgeben würde, war offenbar keine Tombola gemeint. Das Missverständnis ließ sich klären: Man hatte mich "verloren" geglaubt, weil ich so lange fort gewesen war!
Am Abend dann noch ein kultureller Höhepunkt: Im Kinosaal spielt die Band "Vlltava". Der erste Eindruck: Am Schlagzeug sitzt der junge Marius Müller-Westernhagen, den Bass bedient eine Mischung aus Peter Neururer, Dragoslav Stepanovic und einem Teddybär und die Sängerin arbeitet in einem sozialen Beruf und verwirklicht sich gerade selbst. Doch vom Konzert werde ich positiv überrascht: Sehr gute Gesangssätze, interessante Harmonik und herzliche Dialoge mit einem entspannten Publikum - nett! Da fällt nicht weiter ins Gewicht, dass die Rhythmusgruppe jedes Stück anrollen lässt wie einen John-Denver-Schinken auf WDR 4. Im Hintergrund der Bühne fällt mir eine eigenartige Deko auf: Ein rot-weißes Schild mit einem LKW und dem Schriftzug "Tatratrans". Vermutlich die Bezeichnung der Musikrichtung, aber warum nicht "Tatratrance"? - würde internationaler wirken, finde ich! Aber eigentlich ist es gerade das Familiäre, das mir so gut gefällt. Die neue (erste?) CD wird feierlich von einem Kind getauft, bei einem Quiz gibt es ein Exemplar zu gewinnen, Zugaben werden brav erklatscht und gern gegeben. Ein gelungener Abschlussabend, nach dem ich im sanften Licht eines großartig auftrumpfenden Vollmonds "nach Hause" fahre.
Der letzte Ausritt am nächsten Morgen verzögerte ich um eine halbe Stunde, da wir auf zwei andere Menschen warten mussten. Diese, ein junges deutsches Paar, waren von ausgesuchter Höflichkeit und bewiesen ihre gute Erziehung, indem sie nonchalant über die Verspätung, die sie verursacht hatten hinwegsahen. Als sie mich nicht einmal begrüßten, war ich versucht, mich dafür zu entschuldigen, dass ich auf sie so lange hatte warten müssen.
Nachmittags ging es zurück nach Linz, wo ich trotz des Gefälles später als geplant eintraf. Ich wollte gern einen früheren Zug erreichen und verfuhr mich prompt. Als ich eine Dame fragte, wo denn der Bahnhof sei, kam allen Ernstes die Gegenfrage: "Der Bahnhof? Der von Linz?" Ich konnte es mir nicht verkneifen, zu verneinen: "Um Gottes Willen! Der von Stockholm natürlich!" Das Gesicht war es wert, einen Zug später fahren zu müssen! Die quasi so gewonnene Zeit verbrachte ich damit, das richtige Gleis zu finden. Denn der Linzer hängt zwar Fahrpläne mit Zugnummern und Laufzeiten aus, hat jedoch die Spalte mit der Gleisangabe vergessen. Super!
Ein schöner Urlaub war das, leider auch eine Abschiedsreise. Denn kaum wieder in Dortmund, habe ich mir mein rotes "Biest" klauen lassen. Das hier ist das letzte Erinnerungsfoto (aufgenommen im schönen Rozmberk):
Sachdienliche Hinweise nimmt - nein, vergesst das mit der Polizeidienststelle, die haben dort sowieso nur ein mildes Lächeln für solche Bagatellen übrig!