Gartenpforte
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Thüringer Herbst

Saalfelder Feengrotte

Es gäbe, so klagte der Vermieter unserer schnuckelig-ollen Ferienwohnung in Friedrichroda am Rande des Thüringer Waldes, es gäbe nach über zehn Jahren Einheit doch tatsächlich immer noch Leute, die noch nie im Osten waren. Was er nicht wusste: In mir stand ihm ein Prachtexemplar jener ignoranten Menschensorte direkt gegenüber. Ein bisschen habe ich mich dann auch wirklich geschämt. Denn nichts, aber auch gar nichts hatte mich bisher nach drüben gezogen. Geschichte verpasst, das bisschen Brandenburger Tor und Ode an die Freude und Menschen auf der Mauer und hupende Trabis und heiseren Kohl im Fernsehen mal nicht mitgerechnet. Meine Erinnerungen an davor sind um so lebendiger: Die doppelten Grenzkontrollen bei Reisen nach Berlin, das von zu kurz gekommenen, gierigen Ostjugendlichen pur weggeschnuckerte Zitronenteekonzentrat aus dem ALDI während des Ungarn-Urlaubs, Andreas´ Party in Ostberlin, die merkwürdige Landkarte in der Tagesschau, die verdammten MSBler, die einen nicht in Ruhe lassen konnten, bevor sie einen nicht agitiert hatten. Und so weiter. Geschichte. Jetzt sind wir zwar nicht mehr oder noch nicht das Volk, aber wenigstens schon mal eins. Also rüber, Herbstferien in Thüringen. Nach dem Familienwanderurlaub noch ein paar Tage auf dem Rad.

Nein, ich will nicht der Reihe nach erzählen. Kein "am ersten Tag bin ich von ... nach ... gefahren", kein "abends habe ich einen toten Fisch mit Soße gesessen" und so weiter. Nur ein paar Eindrücke, die vielleicht irgendjemanden interessieren, vielleicht auch nicht. Vom Zwiebelmarkt in Weimar, wo abends eine kubanische Salsaband aufgespielt hat. Der Sänger eine lebende Karikatur: Öliger Latino, aber Schmerbauch über dem Gürtel. Unmusikalisch bis in die gegelten Haarspitzen. Hat zwar kein Instrument gespielt, konnte dafür aber auch nicht singen. Was macht das schon? Die Stimmung ist gut, und wer den ganzen Tag allein auf dem Fahrrad sitzt, freut sich abends über ein anonymes Bad in fröhlicher Menge. Mit dem letzten Zug geht es "nach Hause" in mein Ultra-Billig-Zimmer in Oßmannstedt, das nach der Rechtschreibreform Ossmannstadt heißen müsste, an der Ilm, sechs Eisenbahnminuten und 1000 Lichtjahre von der Großstadt entfernt. Am Morgen Start in den Tag mit dem obligaten Platten. Menschen, die aus ihren Häusern eilen, um Hilfe anzubieten. Gibt´s das hüben auch? "Drüben" jedenfalls erlebe ich mehr als einmal diese freundliche Hilfsbereitschaft.

Schnitt. Bilder von der Saale. Eine sanftmütige Landschaft, die es trotzdem in sich hat, zum Beispiel wenn der Saale-Fernradweg plötzlich mit 18% Steigung nach oben abknickt. Als Schotterweg. Also entweder aufstehen und das Hinterrad dreht durch oder sitzen bleiben und das Vorderrad hebt ab. Aber geschoben wird nicht. Eine masochistische Grundeinstellung macht hier manches leichter. Nichts gegen lange Bergauf-Fahrten, die nach Stunden durch herrliche Panoramablicke von der Passhöhe belohnt werden. Aber dieses ständige Rauf und Runter geht selbst mir, einem der in dieser Hinsicht duldsamsten Menschen der Welt gegen den Strich.

Schnitt. Saalfeld. So heißen meine beiden ersten Kinder mit Nachnamen und dort gibt es die farbenreichsten Schaugrotten der Welt (laut Guiness-Buch der Rekorde). Ein erhabener Moment: Wir, eine ausgesprochen inhomogene, circa 30köpfige Besuchergruppe, die soeben zur unterirdischen Gralsburg geführt wurden, werden für einige heilige Minuten uns selbst überlassen, während Schuberts wundervolles Lied "Die Nacht" erklingt. Ich verwandle mich in Gänsehaut, ehrlich, so atemberaubend schön ist der Anblick der bizarren Formen auf der unterirdischen Bühne vor mir, während durch Musik und Beleuchtung und Spiegeleffekte alles noch sphärischer wird. Und in diesem Moment spüre ich mich wieder als Teil eines größeren Ganzen, empfinde tiefe Verbundenheit mit den Menschen rings um mich herum, sogar mit dem meckerigen Alten links und dem vorlauten Blag rechts neben mir. Wenigstens jetzt sind auch sie still, sind Teil der großen Stille, die hinter der Musik zu erahnen ist.

Schnitt. Der Rennsteig-Radweg von Blankenstein an der Saale nach Hörschel bei Eisenach. Von Osten aus gesehen ist der Süden hier der Westen. Für ein kurzes Stück führt der Weg nämlich durch fränkisches Bayern und ausgerechnet hier, in Steinbach im Walde im ehemaligen Westen, hier erwartet mich das Bild, das ich mir vielleicht unbewusst von der (ehemaligen) DDR gemacht habe: Eine Pension, in der die Zeit stehen geblieben ist. Nein, das trifft es nicht, denn gerade der Verfall, den Zeit mit sich bringt, ist es ja, der so ins Auge fällt. Hier ist seit schätzungsweise 1965 nichts mehr gemacht worden. Über ausgetretene schalrote Billig-Teppichböden wurden irgendwann genau so schäbige orange gemusterte Läufer gelegt, die mittlerweile ihrerseits längst ausgetreten sind. Die Tapeten vergilbt, die Jahrzehnte alte, unerträglich muffende Matratze völlig durchgelegen, ein gelblicher Warmwasserboiler über schmieriger Duschwanne, wo mit einem Drehknopf "heiß - mittel - warm" eingestellt werden kann, Haare im Abfluss, so dass die Miege nicht einmal ablaufen kann. Und die Krönung: Ein WC-Kasten (von dort hängt die klassische Klokette hinab), der vor langen Jahren mit dem guten alten DC-Fix verkleidet wurde. Mir wird klar: Auch auf westlicher Seite hat die Grenze kaputt gemacht. Denn wer mag hier, in dieser Enklave der "Freiheit", am Ende der Welt zwischen 1949 und 1990 übernachtet haben? Und hier gibt es heutzutage vermutlich nicht einmal die staatliche Förderung, die ein paar Kilometer weiter die Dörfer Spechtsbrunn oder Lehesten und wie sie alle heißen, so vergleichsweise modern anmuten lässt.

Aber das ist es nicht nur. In der Gaststube sitzen Deppen. Entschuldigung, aber das Geschwätz dieser Leute ist so unerträglich einfältig! Und erst nach einer Dreiviertelstunde fällt mir auf, dass sich eine Frau in der Runde befindet, die nichts sagt, nichts trinkt, nicht lächelt und nicht muckt, und die überhaupt nicht beachtet wird. Ist sie die Frau oder Freundin eines der Anwesenden? Eine Verwandte? Was hat die Ärmste hier nur verloren? Wie lange sitzt diese Gruppe hier schon zusammen, wie lange wird sie noch zusammen sitzen? Wird die Frau noch Teil der Runde sein, wenn die Männer nacheinander zum Kotzen ins prähistorische Klo verschwinden und dann wiederkommen als wäre nichts gewesen und zum Beweis ihrer Männlichkeit den üblen Geschmack mit einem weiteren Schnaps hinunterspülen? Goldener Westen...

Schnitt. Warum hat mir vorher eigentlich keiner etwas von dem Kopfsteinpflaster gesagt? Paris - Roubaix ist gegen meine Rundstrecke Kindergeburtstag.

Schnitt. Begegnungen, Gespräche. Der Mann, der mit seinem Sohn auf dem Rennsteig wandert. Sein Sohn habe es leichter, er wachse mit den neuen Verhältnissen auf. Ihm selbst fiele einiges nicht so leicht. Er verstünde zum Beispiel nicht, warum plötzlich alles schlecht gewesen sein soll in der DDR. Es war aber nicht alles schlecht.

Schnitt. Der letzte Tag auf dem Rad: Parallel zum Rennsteig-Wanderweg verläuft der Radwanderweg. Zum Teil durch herrliche Landschaften mit grandiosen Blicken. Zum Teil aber auch kilometerweit durch dichten eintönigen Nadelwald. Und immer rauf und runter, rauf und runter. Zur Belohnung gönne ich mir am Abend, nach 130 Kilometern äußerster Anstrengung, eine Übernachtung in der "Tanzbuche". Ein tolles Wellness-Hotel, mit Schwimmbad und Sauna und gar nicht mal so teuer. Wen es dort hin zieht, der mache sich unter www.tanzbuche.de kundig. Schönen Gruß an den netten Herrn, der die Aufgüsse macht!

Original Schwarz-Weiß-Ansichtskarte mit unfreiwilligem (?) Humor