Der Kreis schließt sich in Udine
Eine skurrile Wette und ein großes Fußballspiel

Die Geschichte beginnt in den frühen Neunzigern. Zwei Freunde, Paul und Uwe, Dauerkartenbesitzer
und treue Fans des BVB, treffen sich vor jedem Heimspiel in der Kneipe. Immer wieder Thema
leidenschaftlicher Diskussionen: Der eine ist ein "Sitzplatzkanake" der andere ein "Stehplatz-Proll".
Beide versuchen sich gegenseitig zu überzeugen, ins eigene Lager zu wechseln. "Warte ab, irgendwann
hast du auch keine Lust mehr zu stehen. Dann wirst du auch eine Sitzplatzkarte haben! Ist einfach
bequemer, vor allem wenn man älter wird." "Niemals, dann kann ich mich ja gleich vor den Fernseher
setzen! Ich gehe doch vor allem wegen der tollen Stimmung ins Stadion!" Und so weiter. Nach dem
dritten oder vierten, vielleicht auch fünften Bier kommt es zu einer folgenschweren Wette: Entweder
Paul wird auch noch zehn Jahre später auf der Südtribüne stehen oder er wechselt auf einen Sitzplatz.
Gewinnt er, zahlt und organisiert Uwe die gemeinsame Reise zum ersten europäischen Auswärtsspiel
danach. Verliert Paul, ist es umgekehrt. Gereist wird in jedem Fall. (Der Gedanke, womöglich gar
nicht mehr ins Stadion zu gehen ist so abwegig, dass er in der Wette gar nicht auftaucht!).
Als die zehn Jahre um sind, und Paul immer noch Spiel für Spiel im Block 14 anzutreffen ist, somit
die Wette klar gewonnen hat, ist aber etwas eingetroffen, womit damals niemand gerechnet hat:
Der BVB ist ins Mittelmaß abgesunken und spielt jahrelang international gar nicht mehr mit.
2007 wäre es dann fast soweit gewesen. Nur die Niederlage am letzten Spieltag in Leverkusen
machte die Teilnahme am UI-Cup zunichte. Ansonsten wäre die Reise der beiden Freunde nach Moldawien
gegangen, wo anstelle des BVB aber der HSV antreten durfte. Uwe, der Wettverlierer, dürfte hörbar
aufgeatmet haben, während Paul ob des versäumten Abenteuers ein wenig das Herz blutete!
Dann das Pokalfinale in Berlin 2008. Auch an diesem, trotz der Niederlage unvergesslichen Tag ist
Paul wieder live im Olympiastadion dabei. Er weiß: Egal wie dieses Spiel ausgeht - im Herbst wird
es mit Uwe und dem BVB in die erste Hauptrunde des UEFA-Cups gehen. Die Auslosung verfolgen beide
live bei Eurosport. Amsterdam? Nein. London? Nein. Kopenhagen? Nein. Sofia? Auch nicht. Also Udine.
Kein schlechtes Urlaubsziel, freuen sich beide und beschließen die Fahrt mit ein paar Tagen
wohlverdientem Urlaub zu kombinieren.
Nach drei sonnig entspannten Tagen am Mittelmeer geht es auf nach Udine.
Die Italiener scheinen von dem Spiel kaum Kenntnis zu nehmen, einen Fantreff gibt es nicht,
nur einige übermüdete Dortmund-Fans treffen sich auf der Piazza in der Mitte der schönen
Altstadt. Also auf ins Stadio Friuli!
Wie immer: Der eine sitzt, der andere steht! Dort sind die Dortmunder fast bis zum Anpfiff beinahe
unter sich und singen sich warm: "Wir gewinnen sowieso!" und "Wir drehen das Ding!" Alle scheinen
zu spüren: Hier geht noch was! Die Dortmunder legen los wie die Feuerwehr, aber das erste Tor
gelingt erst kurz vor der Pause. Die ohnehin tolle Stimmung wird noch besser. In der zweiten
Halbzeit ein ähnliches Bild: Der BVB stürmt, schießt sogar ein angebliches Abseitstor, doch als
die 90 Minuten um sind, scheint alles vergeblich gewesen zu sein. Der Moment in der Nachspielzeit,
als sich der Ball in einem unendlich lang erscheinenden Bogen ins Tor senkt, erinnert an Berlin
und den Ausgleich gegen die Bayern. In der Dortmunder Kurve gibt es ein mittleres Erdbeben. Heute
muss es gut ausgehen! Doch das tut es wieder nicht, das Ende ist bekannt: 30 Minuten Zittern und
Hoffen in der Verlängerung, dann das Elfmeterschießen. 2000 Dortmunder legen sich die Arme um die
Schultern und erleben das Folgende als miteinander verbundene Schicksalsgemeinschaft. Nach Kubas
tragischem Fehlversuch und dem entscheidenden Treffer für Udine, der vielleicht bewegendste Moment
des Abends: Keine Gesänge mehr, aber ein ergreifender Applaus wie nach einem einzigartigen Konzert.
Wir haben großen Sport gesehen! Es wird lange dauern, dieses Erlebnis zu verarbeiten. Eine 14 Jahre
alte Geschichte endet mit einem Gänsehauterlebnis, der Kreis ist geschlossen. Am Sonntag im
Dortmunder Stadion, das immer noch Westfalenstadion heißt, sind Uwe und Paul wieder dabei. Der eine
auf der Westtribüne, der andere auf Süd. Klar doch.
Das ist nett - den Ruhr-Nachrichten war die Geschichte einen großen Artikel wert: