"Unser ganzes Leben..."
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Mit dem BVB beim Pokalfinale in Berlin

Jeder in meinem Bekanntenkreis, der auch nur über einen Funken Fußballsachverstand
verfügt, hat mich für mich bekloppt erklärt. 0:5 in München gedemütigt und dann auch noch das
grausame 1:3 zu Hause gegen Hannover - Berlin, Berlin, was wollen wir in Berlin?
Trotzdem, die innere Stimme bringt die Vernunft zum Schweigen. Wie durch ein Wunder komme ich in den
Besitz einer preiswerten (!) Karte für das Olympiastadion und finde auch noch einen billigen
Restplatz in einem Fanbus. Belohnt werde ich mit 24 unvergesslichen Stunden!
Schon die Anreise ist eine Grenzerfahrung und das obwohl ich Glückspilz noch jede Menge
Geistesverwandte im Bus antreffe, mit denen ich in ganzen Sätzen sprechen und über die letzten zwei
Jahrzehnte BVB fachsimpeln kann. Aber immer, wirklich immer, sind welche dabei, denen es gelingt,
schon um 8 Uhr morgens so besoffen zu sein, dass sie kaum noch beim Einsteigen die Treppenstufen auf
zwei Beinen überwinden können. Andere beginnen unmittelbar nach dem Anlassen des Motors zielstrebig
daran zu arbeiten, auf das gleiche Level zu kommen. Mir persönlich wäre eher nach Kaffee oder
wenigstens Wasser. Beides gibt es an Bord nicht, da der komplette Stauraum für die Brinkhoffs No.1
Vorräte draufgeht.
Als gefragt wird, wen es denn bitteschön stören würde, wenn geraucht würde, kann ich mein Glück
kaum fassen, dass außer mir noch der halbe Bus mutig aufzeigt und sich damit dem Gespött der
dominanten Raucherfraktion aussetzt. So werden Rauchpausen gemacht und natürlich sagt einer:
"Ihr Nichtraucher müsst aber drinnen bleiben, draußen verpesten wir nämlich die Luft!" Neben dem
Rauchen gibt der kolossale Harndrang der Gemeinschaft immer wieder Anlass, einen Rastplatz
anzusteuern. Dort stehen dann alle an der Klagemauer, ein erhabener Anblick! Einer aus der
bereits erwähnten und offenbar gehörlosen Trinkerfraktion gibt den Harpo Marx, hält mit großen
Gesten die Autos an, um die Frauen am Steuer zu fotografieren. In seinen Augen hässliche
Menschen werden schnell durchgewunken, dann wieder schmeißt er sich plötzlich vor ein Fahrzeug
und nötigt den Insassen pantomimisch ein "Cheese" ab. In Gebärdensprache geübt, kann er sich
auch ohne Worte durchsetzen und sorgt für die ersten gut gelaunten Lacher unterwegs. Ebenfalls
unterhaltsam das BVB-Quiz unseres Reiseleiters, dem "langhaarigen Bombenleger", wie er von einem
launigen Mitreisenden tituliert wird. Zu gewinnen gibt es, na was wohl? Richtig, ein Fläschchen
Pils für jede richtige Antwort, die manchmal schon herausgebrüllt wird, bevor die Frage zu Ende
gestellt ist. Ich gewinne mit Kostedde, BVB-Kenner ahnen die Frage dazu.
Nach sage und schreibe 8 Stunden, unzähligen Zwischenstopps und zwei Staus mit Stillstand, die
natürlich ebenfalls zum Auf-die-Leitplanke-Urinieren ausgenutzt werden, erreichen wir die
Stadtgrenze Berlins. Zu diesem Zeitpunkt frage ich mich das erste Mal, warum ich eigentlich zu
geizig war, ICE zu fahren. (Das Wochenendticket der Bahn habe ich verschmäht, weil man in den
Regionalzügen 8 Stunden (sic!) unterwegs gewesen wäre.)
In die Stadt zu gehen lohnt sich nach der "Abkürzung" durch die endlose Tempo-30-Zone im Grunewald
und am Wannsee entlang schon nicht mehr, also direkt ab ins Stadion. Das Frauenendspiel ist aber
überraschenderweise wenig unterhaltsam, sämtliche Vorurteile, die ich nicht habe, werden bestätigt.
Außerdem ist es saukalt in diesem zugigen, hässlichen Nazistadion von 1936. Zum Glück treffe ich
draußen in der Budenmeile einen alten Kumpel und Paul Breitner schaut auch vorbei als wäre das
das Normalste auf der Welt. Wer früher Kommunist war, geht heute offenbar ungern durch den
VIP-Eingang. Jedenfalls, die Zeit vergeht im Nu, ich eile zurück zu meinem Platz. Gerade als
ich auf der Toilette bin, erklingt die Borussenhymne. "Hunderttausend Freunde ein Verein!"
gröle ich vom Urinal aus mit. Selbst zwischen den Kacheln stehend ist die grandiose Stimmung
zu spüren. Endlich am Platz werden leider die schrecklichen Bayernlieder auch durch die Anlage
gedudelt. Dass keiner mitsingt, versteht sich von selbst, da wird wohl noch an der Weißwurst
gekaut. Die Dortmunder Fans sind jetzt schon lauter als die Stadionanlage, dabei dauert es noch
über eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Beim Einmarsch ist der Lärm ohrenbetäubend, dazu werden
riesige Transparente entrollt. "Träumt einer allein, ist es ein Traum - träumen viele gemeinsam
ist es der Beginn von etwas Großem!"
Gänsehautatmosphäre. Die erste halbe Stunde des Spiels gehört den Bayern. Aber nur auf dem Rasen,
wo es schnell wieder 1:0 steht. Es scheint aussichtslos zu sein. Aber nichts da, nach einer kurzen
Schweigeminute und verhaltenem Beifall der Roten geht der 30000stimmige Alarm wieder los. In der
Pause bekomme ich eine SMS aus einer Trierer (!) Kneipe, die mich richtig berührt: "Singt, singt,
singt. Wir hören euch und die Spieler auch! Da geht noch was!" Ich zeige sie den erstbesten
Dortmundern, die ich treffe. Den obligaten Halbzeit-Toilettenbesuch überlebe ich erstaunlicherweise,
obwohl durch die Tür ständig immer mehr Menschen in den Raum quillen, aus dem leider durch eben
diese einzige Tür niemand mehr rauszukommen scheint. Klassische Fehlkonstruktion.
Dann die zweite Halbzeit. Wir alle versuchen den Ball über die Linie zu beten, zu schreien, zu singen, aber es ist wie verhext. Etwa in Minute 88 melden sich tatsächlich die Bayern-Fans mal wieder zu Wort, die das Trauerspiel ihrer Mannschaft emotionslos über sich ergehen lassen haben. Man soll jetzt aufstehen, wenn man ein Bayer ist. Mir wird ein bisschen schlecht davon. Vorher hörte man nur vereinzelt mal hinter sich eine Fistelstimme "Bayern" rufen und man ist vor Schreck und Überraschung fast zusammen gezuckt. Aber immer nur einmal kurz. "Bayern" - huch! Noch eine Riesenchance in der 91. Minute und eine letzte Ecke. Was dann im Gewusel genau passiert, ist kaum zu sehen, aber der Schiedsrichter zeigt zur Mitte. Tor! Ich schwöre, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so einen Schrei gleichzeitig ausgestoßen und gehört. Stärke 12 auf der Richter-Skala. Später registriere ich erst all die blauen Flecken, die ich mir dabei geholt habe, sämtliche Menschen um mich herum gleichzeitig zu umarmen, anzubrüllen und zu küssen (letzteres soweit es meine aparte Nachbarin zur Rechten betrifft).
Später werde ich auch erst realisiert haben, dass sich für diesen einen einzigen befreienden Moment der Raserei alles gelohnt hat. Leidenschaft, Ekstase, der Glaube an das Gute in der Welt, verloren geglaubtes ist plötzlich wieder präsent. So wie unser BVB. Verlängerung. Der bayrische Riese wankt und taumelt spürbar. Der Treffer liegt in der Luft. Valdez schießt den Ball in den Himmel. Wird es doch dieses eine Mal gut ausgehen? Nein, natürlich nicht. Die Bayern schießen aus Versehen ihrem "Toni du bist ein Fußballgott" vors Schienbein und der Ball eiert ins Tor. Stich ins Herz. Dann noch der Platzverweis für "Kuba"kowsky. Das ist das Ende des Traums der Vielen, die dennoch bis zum Schluss weiter singen und auch danach noch ihre Mannschaft feiern. "Bedenke:", empfiehlt der Dalai Lama, "nicht zu bekommen, was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall." Wer weiß, was bei einem Dortmunder Sieg passiert wäre? Vermutlich hätte eine schwarz-gelbe Sintflut der Begeisterung das unschuldige Berlin hinweg gespült. Allerdings: Da wäre ich dann schon verdammt gern dabei gewesen! Im Ernst. Eigentlich ist es okay so. Wir Fans haben gewonnen. Und für die Fußballer und den Trainer wäre der Pokalgewinn wie eine Umrundung des heiligen Berges Kailash gewesen - alle Sünden wären vergeben gewesen. Und das wäre nach dieser Saison doch zu einfach und nicht wirklich stimmig gewesen. Sollen sie ruhig traurig gucken und sich als Verlierer fühlen. Sie wissen: Heldentum muss man sich eben in mehr als nur einem Spiel verdienen, Ruhm muss man sich erarbeiten.
Direkt nach dem Spiel bin ich allerdings noch nicht so weise, sondern hauptsächlich erschöpft.
In der S-Bahn überwinde ich endlich den alten, nagenden, zu nahe am Neid angesiedelten Hass auf
den FC Bayern. Ein rot-weißer "Fan" telefoniert mit seinem Handy. "Och ja , ganz guat. - I woaß net.
- I glab, i trink noch a Bier und dann geh i ins Hotel." Da tut er mir, stellvertretend für alle
anderen, einfach nur leid. Er hat das Freuen verlernt. Ein Pokalsieg bedeutet ihm nichts, wird
abgehakt. Wäsche waschen, Mutti anrufen, Pokal gewinnen. Erledigt. Ich frage ihn, wann das angefangen
hat. So nach dem siebten, achten Titel vielleicht? Er glotzt mich verständnislos an. Ich möchte
ihn am liebsten in den Arm nehmen und trösten.
Auf der Rückfahrt ist an Schlaf erstmal nicht zu denken. Zwar schlafen die ersten Hardcore-Trinker
bereits mit offenem Mund, bevor der Bus auch nur anfährt. Aber die Abreise verzögert sich, weil
unsere gehörlosen Freunde nicht an Bord sind. Durchsage vom Reiseleiter: Er hat sie angerufen,
sie kommen angeblich jetzt mit dem Taxi. Wir warten eine halbe Stunde vergeblich. In dieser fragen
wir uns, wie ein Telefongespräch mit Gehörlosen verläuft. Gebärdensprache übers Handy?
Die Jungs werden unfreiwillig zum running gag, der sich irgendwann abnutzt und ins Beleidigende
abgleitet. Endlich wieder auf der Bahn vertreibt man sich die Zeit mit dem gegenseitigen Vorspielen
von Handy-Soundfiles. Helge Schneider ist ja noch okay, aber der Song "Wir sind die Cowboynutten
Vögeli und Vögela" zieht mir die Schuhe aus. Überdies läuft die Fraktion mit den
Hoeschianer-T-Shirts zur Hochform auf. Unglaublich auf was für ein extrem niedriges Niveau seriös
und kumpelhaft wirkende, richtig nette 60-Jährige absinken können, wenn sie abgefüllt sind! Aus dem
gelallten Silbenbrei sticht nur ab und zu der Versuch eines Fangesangs, die eine oder andere
halbherzige Beleidigung und der Halbsatz "Neunsenjahre aldisdie - mussdudirmalvorstelln!"!" -
was immer damit auch gesagt sein soll. Am Pinkelrastplatz, wo mittlerweile schon die parkenden
LKWs angestrullt werden, was jetzt echt nicht mehr schön ist, wird einer aus dieser unerträglichen
Bande johlend aufgefordert "sein Würstchen rauszuholen". Macht er auch und das Bockwurst-Essen wird
ein Fest. Natürlich machen diese retardierten, grauhaarigen Kleinkinder Wichsbewegungen an
ihren Böklundern und wundern sich, dass nichts mehr steif wird. Ich wundere mich nicht. Über gar
nichts mehr. Auch nicht, dass eine der zwei mitgereisten Damen sich parallel zur Wurstorgie
inbrünstig erbricht. Das muss einiges raus. Kommentar: "Ja, so ist das, wenn man im dritten Monat
schwanger ist". Ich denke, man will einen Witz machen, aber nein, sie ist wohl wirklich schwanger.
Und Babys Chancen, einmal schlauer als seine Mutter zu werden, dürften mit diesem ersten Vollrausch
bereits gegen Null gesunken sein. Kundschaft für die Frühförderung. Dann sind wir endlich
wieder in Dortmund. Frische Luft! Mein Fahrrad, das mich geschwind nach Hause trägt! Ein
Frühstück mit Kaffee. Ein Bett. Und bunte Träume…
Nachtrag: Eine andere hübsche Geschichte, die auch mal erzählt werden sollte, berichtet der Sohn:
Auf der Fahrt nach Frankfurt hat mir jemand von seinen Bekannten erzählt die bei ebay eine
Rollstuhlfahrerkarte (für zwei Personen, also inkl. Begleitperson) ersteigert haben, sich die
Getränke immer zum Platz bringen ließen und dann beim 1:1 aber aufgesprungen sind. :)