Wie gerne einfach mal Zeit verschwenden! Nicht bei der Arbeit sein und nicht daheim, nicht an Pflichten denken, niemandem zur Verfügung stehen, sich um nichts kümmern. Zeit vergehen lassen ohne Bedauern und ohne Scham. Ohne Angst etwas zu versäumen oder nicht richtig zu funktionieren, ohne schlechtes Gewissen. Schwerelos draußen in der Hängematte liegen, dabei nicht lesen, nicht Probleme wälzen, keine Pläne schmieden, nur sein und treiben lassen, nicht schlafend und nicht wach, in jenem Zustand, in dem alles Sinn und Platz hat, jedes Geräusch sich einfügt, und jeder Duft, ins große Ganze. Mit Bäumen und Wolken schweigend plaudern, dem eigenen Rhythmus lauschen. Nur so.
Oder: Tagesticket für den Nahverkehr. Den erstbesten nächsten Zug oder Bus besteigen ohne nachzuschauen, wohin der fährt, weil es darauf gar nicht ankommt, ich habe ja kein Ziel, muss nirgendwo ankommen, niemanden treffen. Schau einfach Menschen, male mir aus, mache mir einen Reim, spiel mein Ratespiel, woher, wohin, warum - vor allem wer? Warum sieht der so traurig aus, worüber freut sich die? Was hat der in dem Aktenkoffer, in welches Büro muss er? Und sie, die aussieht wie vom Film, wird sie womöglich gleich im Aldi an der Kasse sitzen? Wo hat der Alte im schmutzigen Wams die letzte Nacht verbracht, und hat er eine Fahrkarte? Was liest das Mädchen da, wen wird der junge Mann besuchen? Woher kennen sich die zwei, die sich da zufällig begegnen, mit "Was machst du denn hier?" und "Wo willst du hin?" und ihren großen Gesten.
Und wenn mich jemand interessiert (nein, nicht des Kennenlernens wegen!), steige ich mit ihm aus, gehe ihm nach, oder ihr, einfach so. Verbringe Zeit im Schatten eines anderen Menschen, doch nie zu lange, will niemanden ärgern oder verunsichern, mich auch nicht selbst zu sehr beteiligen. Die innere Stimme gibt die Richtung vor, sonst nichts und niemand. Keine Uhr am Handgelenk, kein Filofax dabei.
Oder: In die Stadtbücherei gehen und dann mit geschlossenen Augen zwischen den Regalen schlendern. Völlig willkürlich nach Büchern greifen, drin blättern, nichts suchen, sondern finden lassen. Was will zu mir? Die islamische Kunst des 12.Jahrhunderts? Ein Kinderbilderbuch? Die Doktorarbeit eines psychisch Kranken? Alte Bücher, neue Bücher, zu viele, um auch nur ein Millionstel davon zu lesen, na und? Worauf es jetzt und hier gerade ankommt - vielleicht steckt es genau in diesem kleinen, staubigen Bändchen, das seit Jahren niemand mehr in die Hand genommen hat. Wurde es gar für diesen Augenblick geschrieben, mir und nur mir etwas Besonderes mitzuteilen? Fingerzeig, Gedankensprung, Wechsel der Perspektive? Staunen, Entsetzen, Bestätigung?
Wie schwer es doch fällt, sich so etwas zu gönnen! Die Arbeit ist zu Ende? Du müsstest noch das Fahrrad flicken. Du könntest noch Gitarre üben, Spanisch lernen. Du solltest mal wieder gründlich die Fenster putzen. Einen Freund besuchen, eine Besorgung machen. Einkaufen, einen guten Film anschauen, die Fingernägel schneiden. Den Keller aufräumen, ein neues Rezept ausprobieren, mit dem Hund rausgehen. Joggen, shoppen, in die Sauna. Es gibt so viel zu tun, so viele Notwendigkeiten und Pflichten, angenehme und unangenehme. So viele Wünsche und Bedürfnisse. Wir müssen am Ball bleiben, uns auf dem Laufenden halten, dürfen den Anschluss nicht verpassen. Niemals bleibt Zeit, Zeit zum Verschwenden. Niemals?